Nach einer Krebsdiagnose sitzt der Schock tief. Man fühlt sich gelähmt, ohnmächtig, machtlos. «Dieser erste Schock zeigt sich bei praktisch allen Krebspatienten. Der Unterschied zwischen den Patienten ist, wie lange er andauert. Das kann von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten dauern», erklärt Gerd Nagel, Professor für Onkologie und Hämatologie sowie Gründer der Stiftung Patientenkompetenz.

Bis in die 60er Jahre hat man Krebspatienten ihre Diagnose häufig gar nicht mitgeteilt; man war der Meinung, sie würden diese nicht verkraften. Ganz anders der Patient von heute – er möchte genau über seine Krankheit und den medizinischen Therapieverlauf informiert werden. Und das sei laut Nagel auch wichtig: «Informierte Patienten, die bei ihrer Behandlung mitentscheiden, haben grössere Heilungschancen und bewältigen ihre Krankheit besser.»

Selbsterfahrung weitergeben

Meist stellt sich nach der Diagnose bald die Frage: Was kann ich für mich tun? Hinter dieser Frage steckt laut Nagel die Grundüberzeugung, dass man nicht nur mit Hilfe der Schulmedizin, sondern auch durch eigene Heilungskräfte zur Genesung findet. «Die Antwort zu finden, wo individuelle Kraftquellen liegen, ist jedoch manchmal ein schwieriger Prozess», so Nagel. Eine Einsicht, die er am eigenen Leib erfahren musste.

Er war Ende 40 und auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Arzt und Forscher – dann die Diagnose akute Leukämie. «Ich war mir bewusst, dass die Chancen einer Heilung sehr begrenzt sind. Ich musste, bevor ich medizinische Behandlung in Anspruch nehmen konnte, erst wieder zu mir finden.» Und das war gar nicht so einfach.

«Ich wusste nicht mehr, wo und welche meine Kräfte sind. Ich fragte mich: Wer bin ich? Und fand keine Antwort.» Nach der Diagnose sei er für zehn Tage weggefahren. Schliesslich fand er Kraft in Natur, Familie und Literatur. Heute, viele Jahre nach seiner Erkrankung, vermittelt er krebskranken Menschen, wie sie ihre Selbstheilungskräfte finden und gezielt nutzen können.

Jeder besitzt Kraftquellen

Er plädiert dabei für die sogenannte «Zwei-Ärzte-Medizin» – den Schulmediziner, der operiert und Medikamente verschreibt, und den inneren Arzt in einem selbst, der weiss, was das individuell Richtige ist. Denn aus eigener Erfahrung weiss Nagel heute, dass nicht nur die Schulmedizin mit den Mitteln der Diagnostik und Therapie darüber entscheidet, wie eine Krankheit verlaufe, sondern auch die Natur des Betroffenen selbst: seine Abwehrkräfte, seine Fähigkeit zur Regeneration und Selbstheilung.

Und hier versteht sich Nagel als Scout, der beratend hilft, diese natürlichen Abwehrkräfte zu finden und zu mobilisieren. «Im ersten Gespräch versuche ich, mit dem Patienten herauszufinden, wo seine Kraftquellen liegen. Der eine findet Ressourcen im Sport, der andere in sozialen Kontakten, der Familie oder im Glauben. Auch über kreative Beschäftigungen finden manche Zugang zu inneren Heilkräften.»

Es gilt dabei, für sich Fragen zu beantworten, wie: Wer bin ich? Was ist mein Ziel? Wer kann den Krankheitsverlauf beeinflussen? Genügt es, was die Medizin zur Tumorbekämpfung unternimmt, oder glaube ich auch an eigene Kräfte? Dabei kommen häufig verloren geglaubte Ressourcen zum Vorschein.

Autopilot in Richtung Heilung

Zudem rät Nagel seinen Patienten, ein Bild ihres Weges zur Heilung zu zeichnen und sich dazu einen persönlichen Leitsatz einzuprägen. Eine Methode, die auch ihm half: «Wir glauben heute, dass Hirnfunktionen stark steuernd in diese Abwehrfunktionen eingreifen. Ziel im Patiententraining ist, das Gehirn in irgendeiner Weise zu programmieren – wie ein Pilot, der in eine Nebelwand fliegt, der stellt seinen Autopiloten ein.

So kann man sich einen Autopiloten gewissermassen einbrennen, der in Richtung Heilung führt.» Für Nagel ist wichtig, Heilung als einen Prozess und sich als Patienten auf dem Weg zur Heilung anzusehen. Ob der Patient den Gipfel erreicht, könne niemand sagen. Aber durch den Prozess gewinne der Patient an Lebensqualität.