Prof. Dr. Pabst, wer ist vorwiegend von AML betroffen?

Die AML kann in jedem Alter auftreten, bei Männern etwas häufiger als bei Frauen.

Sie kommt aber vorwiegend bei älteren Patienten vor, im Gegensatz zur Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL), die typischerweise bei Kindern übervertreten ist. Das Durchschnittsalter bei Erstdiagnose AML ist etwa 65 Jahre.

Die Akute Leukämie gilt als aggressivste Krebskrankheit. Was bedeutet die Diagnose für die Betroffenen?

Ohne Therapie sterben die meisten Patienten innert Tagen bis wenigen Wochen.

Es ist also einerseits eine Notfallsituation. Andererseits werden die Betroffenen häufig «wie ein Blitz aus heiterem Himmel», also ohne eine längere Phase sich aufbauender Symptome, getroffen. 

Was weiss man heute über die Entstehung und Ursachen von AML?

Den akuten Leukämien liegen, wie allen Krebskrankheiten, molekulare Veränderungen in den betroffenen Zellen zugrunde. Diese Veränderungen sind mittlerweile bestens identifiziert und werden genutzt zur Diagnose wie auch zur Überwachung des Therapieansprechens und des Verlaufs.

Einige dieser Veränderungen können, wenn auch eher selten, vererbt sein. Bei der überwiegenden Mehrheit der Patienten bleiben die Ursachen unklar. 

Etwa 50 bis 60 Prozent der AML-Patienten können heute geheilt werden. Welche Therapiemassnahmen werden hier eingesetzt?

Wenn Heilung das Ziel ist, gibt es für Patienten mit AML keine Alternative zur intensiven stationären Chemotherapie, meist mit zwei Zyklen zu je vier Wochen Hospitalisation. Anschliessend ist eine Stammzell-Transplantation mit eigenen (autologen) oder Spender (allogenen) -Stammzellen nötig.

Wenn Patienten nicht fit oder nicht einverstanden mit dieser sehr belastenden Therapie sind, werden palliative, ambulante Behandlungen durchgeführt. Dabei werden sogenannte hypomethylierende Substanzen sowie gezielt gegen die molekularen Veränderungen gerichtete Medikamente eingesetzt. Die Lebenserwartung bei solchen palliativen Therapien ist aber begrenzt.

Die kurative Therapie bedeutet eine enorme Belastung für den Patienten. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?

Belastend für Patienten mit kurativen Therapiekonzepten sind die heftigen Nebenwirkungen der intensiven Chemotherapie wie Schleimhautprobleme im Verdauungstrakt, Inappetenz und allgemein der Verlust der Kondition. Für Patienten mit einer Transplantation mit Spender-Stammzellen (allogen) ist die Abstossungsproblematik das Hauptproblem.

Nach wie vor sterben in der Schweiz gegen 20 Prozent aller AML-Patienten im Rahmen der Transplantation. Es wird daher höchste Zeit, dass Alternativen zur allogenen Knochenmarktransplantation für «Hochrisikopatienten» verfügbar werden. 

Im Gegensatz dazu stellt bei den «Niedrigrisikopatienten» die Transplantation mit den eigenen Stammzellen eine vergleichsweise gefahrlose Alternative dar. Die grösste Herausforderung in der Behandlung von AML-Patienten bleibt aber die Senkung des Rezidiv-Risikos; hier liegt die Hoffnung auf dem Einbau gezielter Medikamente in die bisherigen Therapiekonzepte.

Stichwort Personalisierte AML-Therapie: Ist sie bereits Gegenwart oder erst Zukunft? 

Personalisierte Medizin bedeutet bei der Behandlung von AML-Patienten, die individuell vorliegenden molekularen Veränderungen in den Leukämiezellen zu identifizieren und therapeutisch nutzbar zu machen.

Die AML ist hierzu hervorragend geeignet, da in der Regel nur drei bis fünf kritische Mutationen pro Patient vorliegen. Gegen eine Reihe der häufigen Veränderungen liegen heute bereits spezifische Inhibitoren vor.

Dass der Einsatz solcher Medikamente erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel einer Untergruppe der AML, nämlich der AML-M3. Bei diesem Typ kann heute ohne Chemotherapie bereits eine Heilung bei über 95 Prozent erzielt werden. Dieses Beispiel beweist, dass die Richtung unserer klinischen Forschung stimmt.