Frau Dr. Zwahlen, welche Auswirkungen kann eine Krebserkrankung auf die Psyche haben?

Die Betroffenen gehen häufig durch verschiedene Phasen. Nach der Diagnose fühlen sich die allermeisten Menschen schockiert. Sie fühlen sich wie in einem Albtraum und können die Diagnose nicht real erfassen. Hinzu kommen das anfängliche Unwissen über die Erkrankung, wie weit fortgeschritten sie schon ist und welche Therapien gemacht werden müssen. Wenn dann Genaueres über die Erkrankung und die weiteren Therapien feststeht, wird es für die Betroffenen greifbarer.

Oftmals sind die Patienten froh, wenn sie mit der Therapie starten und damit aktiv etwas gegen ihre Erkrankung tun können. Den Fokus auf die Therapie zu richten, hilft den Patienten und wirkt sich stabilisierend auf die Psyche aus.

Für die Angehörigen hingegen ist diese Phase oftmals sehr schwierig.

So ist es. Sie stehen daneben und haben das Gefühl, nichts tun zu können. Sie tun aber oft sehr viel. Gleichzeitig möchten sie möglichst alles Belastende vom Betroffenen fernhalten.

Dabei verausgaben sie sich häufig und gehen über ihre Kräfte hinaus. Kräftemässig stellen sich viele Angehörige auf einen Kurzstreckenlauf ein, hingegen gleicht eine Therapie oft einer Marathonstrecke. Viele Angehörige rechnen zudem damit, dass das Leben nach der Therapie weitergeht wie zuvor. Dies entspricht oft nicht der Realität.

Viele Betroffene fallen erst nach der Krebsbehandlung in ein Loch. Weshalb wird die Zeit nach der Therapie häufig unterschätzt?

Man hofft und wünscht sich, dass das Leben nach der Behandlung endlich wieder normal weitergeht. Während der Therapie ist man stark eingespannt und hat einen durchstrukturierten Behandlungsplan.

Es bleibt nicht viel Zeit, sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen. Nach Therapieende haben viele Betroffene Mühe, im Leben wieder Fuss zu fassen. Betroffene haben hohe Erwartungen an sich selbst und unterschätzen die Zeit, die es braucht, um sich wieder im Alltag einzufinden.

Oftmals verändert sich die Leistungsfähigkeit, die Körperlichkeit wird neu erlebt und Dinge, die früher wichtig waren, haben eine veränderte Bedeutung, Prioritäten verschieben sich. Gleichzeitig ist die Angst vor einem Wiederauftreten der Krebserkrankung allgegenwärtig und stellt häufig eine grosse Belastung dar. Für die Angehörigen ist diese Veränderung oft nicht einfach nachzuvollziehen und zu akzeptieren.

Sie haben eben erwähnt, dass sich viele Angehörige bei der Betreuung verausgaben und ihnen irgendwann die Kräfte ausgehen können. Wie kann man den Betroffenen unterstützen, ohne sich selbst zu überfordern?

Ein wichtiger Punkt ist der Austausch miteinander. Wenn offen über Empfindungen, Belastungen und Bedürfnisse gesprochen wird, ist es für die Angehörigen einfacher, die Situation einzuschätzen und den Bedürfnissen entsprechend den Betroffenen zu unterstützen.

Der Austausch selbst, das gemeinsame Aushalten, Mittragen und die Nähe, die dabei entstehen kann, werden häufig als die wichtigste Form der Unterstützung empfunden.

Ganz konkret ist es wichtig, dass sich Angehörige Auszeiten nehmen, ihre Kräfte einteilen, gut zu sich selbst schauen und dabei mit ihren Kräften in Kontakt sind. Angehörige sollten sich selbst eigene Quellen von emotionaler und praktischer Unterstützung organisieren.

Hier lohnt es sich, Unterstützung durch Freunde, Verwandte oder externe Betreuungspersonen in Anspruch zu nehmen.

Welche Rolle spielt die Psyche beim Kampf gegen den Krebs?

Eine sehr grosse. Das Durchstehen der Therapie ist einfacher mit einer guten psychischen Verfassung. Wir wissen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen wie etwa einer Depression mehr Mühe haben, die Therapie durchzustehen.

Symptome einer psychischen Erkrankung wie Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit oder sozialer Rückzug können sich negativ auf das Durchstehen einer Therapie auswirken. Gleichzeitig bedeuten psychische Erkrankungen immer auch Stress.

Stichwort Stress. Viele Patienten stellen sich die Frage, ob Stress möglicherweise ihre Krebserkrankung ausgelöst hat.

In der Tat machen sich viele Patienten zu Beginn ihrer Erkrankung Vorwürfe, dass sie zu viel Stress hatten und möglicherweise an ihrer Krankheit mitschuldig sind.

Wir versuchen im Gespräch, diese einfache Vorstellung zu relativieren, die Menschen von dieser Schuld zu entlasten, denn sie entspricht nicht der Realität. Allerdings merken wir auch, dass diese Frage mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund rückt und andere Aspekte, wie etwa die Frage nach Veränderungen in der Lebensführung, den Prioritäten oder die Beschäftigung mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen, in den Vordergrund rücken. Jeder geht anders mit einer Krebserkrankung um und verarbeitet die Erfahrungen unterschiedlich.

Wie häufig werden psychische Erkrankungen durch Krebs ausgelöst?

Dass Krebspatienten psychisch belastet sind, ist angesichts der Situation normal. Über 50 Prozent der Betroffenen sagen von sich, dass sie sich mittel bis sehr belastet fühlen. Die psychische Belastung kann für Betroffene und ihre Familien phasenweise gross sein, beispielsweise ausgelöst durch körperliche Einschränkungen oder schlechte Nachrichten. Bei etwa 30 Prozent wird eine diagnostizierbare psychische Erkrankung wie zum Beispiel eine Depression oder Angsterkrankung ausgelöst.

Bei den Angehörigen ist dieser Anteil übrigens gleich hoch. In der Regel aber finden die Menschen mit genügend Zeit und durch einen aktiven Umgang mit ihren Erfahrungen ihre innere Balance wieder.