Sie beschäftigen sich mit Effekt von körperlich anstrengender Aktivität auf das Immunsystem von Krebspatienten. Welche innovativen Ergebnisse konnten Sie damit gewinnen?

Ja, ich bin zwar kein immunologischer Experte, habe aber bereits mehrfach als Kooperationspartner diverser Projekte zwischen der Universität zu Köln und der Sporthochschule zu dieser Thematik geforscht.

Gemeinsam fanden wir heraus, dass auch körperlich anstrengende Interventionen während und nach einer Krebserkrankung möglich ist, ohne dass dies langfristig eine immunologische Schwäche der Patienten zur Folge hat. Das bedeutet Krebspatienten können sich ebenso wie nicht Betroffene körperlich bewegen.

Das heisst, es gibt keine Unterschiede?

Nein, zumindest weisen Patienten keine nachhaltige Immunschwäche auf, wenn genug Regenerationszeit  an die Intervention anschliesst. In den ersten 24 Stunden (unmittelbar nach dem Sport) ist man jedoch kurzzeitig anfälliger für Keime, Viren und Infektionen.

Wie kamen Sie zu dem Ergebnis?
Wir haben Krebspatienten untersucht, die einen Halbmarathon gelaufen sind, also 21 Kilometer in zwei bis drei Stunden. Als wir ihr Immunsystem gemessen haben, stellten wir einen Anstieg der Toxizität fest. Und hier wird es interessant, denn die natürlichen Killerzellen (Variante der Immunzellen) wurden aggressiver.

Diese Zellen wanderten in bestimmte Organe und lieferten unmittelbar unter der Intervention eine stärkere Immunantwort. Das hat fast schon einen evulotionsbiologischen Charakter.

Kann man sagen, dass sich Bewegung während der Therapie positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt? 

Ja definitiv. Und zwar positiv auf die Behandlungsergebnisse sowie auf den Abbau der Nebenwirkungen. Die psychische Verfassung (zum Beispiel Angst und Unsicherheit) stehen in direktem Zusammenhang mit unserem Bewegungsverhalten. 

Unmittelbar nach der Diagnosestellung verfallen viele Patienten aufgrund des Schocks in eine Starre oder gar Lähmung, die zu einem Bewegungsmangel führt. Dabei ist die Bewegungstherapie ein elementarer Baustein in der Behandlung onkologischer Patienten.

Welche Nebenwirkungen können durch Bewegung verringert werden?

Es gibt kaum eine andere Option als Bewegung, um beispielsweise das häufig bei Krebspatienten auftretende Erschöpfungssyndrom zu reduzieren. Aber auch andere Nebenwirkungen der Chemotherapie wie Wasseransammlung im Gewebe durch eine OP oder Bestrahlung, Harninkontinenz, Bewegungsunfähigkeit der Hände und Füsse können durch eine Bewegungstherapie effektiv gelindert werden.

Zusammenfassend gesagt: Die klinisch relevantesten Nebenwirkungen können so positiv durch Bewegung beeinflusst werden, dass die Zyklen und Dosierungen der Chemotherapien kaum angepasst werden müssen. Und das führt eben zu einer besseren Prognose.

Welche Art von Bewegung hilft Krebspatienten?

Das ist von Fall zu Fall individuell unterschiedlich. Es gibt medizinische Bewegungstherapien für Patienten, die in der Hormon- oder Chemotherapie sind und bestrahlt werden. Am besten begibt man sich in die Hände von gut ausgebildeten Physio- und Sporttherapeuten. Sie wissen, wie Bewegung zu gestalten ist, da hinter jedem Ziel unterschiedliche Programme, Methoden und Trainingsinhalte stecken, deren individuelle Regenerationsprozesse berücksichtigt werden müssen.

Könnte sich Bewegung bei Patienten nach der abgeschlossenen erfolgreichen Therapie auch auf das Rückfallrisiko auswirken? 

Was definitiv aus wissenschaftlich relevanten Studien hervorgeht ist, dass Bewegung die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs, Dickdarmkrebs und Endometriumkrebs zu erkranken, um nachweislich 20 bis 30 Prozent reduzieren kann. Gegenwärtig vermuten wir auch, dass sich Bewegung auch positiv auf das Rückfallrisiko auswirken kann, wissen dies allerdings nicht. 

Das sind Kohortenstudien (Beobachtungsstudien), die noch nicht existieren bzw. an deren Aufbau und Umsetzung noch nachdrücklich gearbeitet werden.