Hierzu setzen die Behandlungsteams aus verschiedenen Medizinfachgebieten ihr ganzes Wissen und Können ein, um in jedem Einzelfall einen individuellen Therapieplan zu erstellen. So kann etwa eine Chemotherapie die Metastasen verkleinern und dann oft erst eine operative Entfernung ermöglichen. Mit dem neuen Verfahren der irreversiblen Elektroporation (IRE) steht nun ein weiteres, vollkommen neuartiges Konzept zur Abtötung von besonders schwierig gelegenen Herden zur Verfügung.

Stromstösse gegen Tumoren

Das Prinzip des Verfahrens besteht darin, dass durch ultrakurze, starke Stromstösse zwischen mehreren um den Tumor eingebrachten Elektroden mikroskopisch erkennbare Löcher in die Zellwände der Zellen im Spannungsfeld «geschossen» werden. Durch diese Löcher fliesst dann das sogenannte. Zytoplasma der Zellen aus und sie sterben den «stillen Zelltod» (Apoptose).

Das besondere: Unmittelbar neben oder sogar durch den Tumor verlaufende Gefässe und Gangstrukturen werden nicht zerstört, sondern bleiben in ihrer Struktur erhalten. Zwar werden auch die Zellauskleidungen im Inneren dieser Kanäle abgetötet, aber durch die erhaltende Gerüststruktur können rasch gesunde Zellen aus dem benachbarten nicht behandelten Gewebe einwandern, und das Innere der Gefässe oder Gallengänge wieder überkleiden. Darüber hinaus erholt sich der behandelte Leberabschnitt wieder und man kann die Behandlung wiederholen, wenn erforderlich.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen. Frau O. litt unter einen bösartigen Tumor des Dünndarms (Carcinoid). Zum Zeitpunkt der Diagnose bestanden bereits Metastasen in beiden Leberlappen (mindestens 10). Die meisten dieser Herde befanden sich im grösseren rechten Leberlappen. Zunächst wurde der Primärtumor mittels Operation entfernt und gleichzeitig der linke kleinere Leberlappen von allen Herden bis auf einen schwierig gelegenen Herd an einem grossen Blutgefäss befreit.

Gleichzeitig wurde die grosse Pfortader zur rechten Leber unterbunden, was ein Wachstum des zu kleinen linken Leberlappens induzierte. Nach vier Wochen wurde nun mittels irreversible Elektroporation die einzige verbliebende Metastase im linken Leberlappen abgetötet. Nach weiteren vier Wochen wurde in einer zweiten Operation der rechte Leberlappen entfernt.

Die Radiologie-Bilder zeigen den schwierig gelegenen Herd im linken Leberlappen (links). In der Mitte ist der abgetötete Herd unmittelbar nach der irreversiblen Elektroporation (IRE) zu sehen. Rechts sieht man das Abschlussergebnis im Bereich der Behandlung mit IRE. Man erkennt, dass alle Herde beseitigt sind, die verbliebene linke Leber gewachsen ist und der mit Stromstössen behandelte Herd ohne Narbenbildung beseitigt wurde. Das Blutgefäss blieb offen.

Potenzial für die Zukunft

«Seit der ersten Anwendung des neuen Verfahrens in der Schweiz durch unser Team im April 2012 haben wir bereits 25 Lebertumoren behandelt. Bislang wurde keine schwerwiegende Komplikation bei unseren Patienten beobachtet», erklärt Prof. Dr. med. Jan Schmidt. In einem Fall kam es am behandelten Ort zu einem Rezidiv, das durch eine Operation entfernt werden konnte.

Weitere Studien müssen zeigen, welches Potenzial das neue Verfahren hat und wie die Langzeitergebnisse sind. Mittlerweile sind mehr als hundert wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema erschienen und weltweit mehr als 2000 Patienten an verschiedenen Organen (beispielsweise auch an der Niere und Prostata) behandelt worden.