Unheilbare Krankheit mit wenig Beachtung

Vergessen geht jedoch, dass viele Frauen Fernmetastasen entwickeln. Rund 10 Prozent der Brustkrebsbetroffenen haben schon bei der Diagnose Metastasen. «Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs fühlen sich oft isoliert.

Brustkrebsbezogene Aktivitäten haben sich vor allem dem Kampf gegen den frühen Brustkrebs verschrieben», sagt Donatella Corbat, Präsidentin des Schweizer Brustkrebs-Forums Europa Donna Schweiz. Metastasierter Brustkrebs bleibt eine unheilbare Krankheit, die in der Öffentlichkeit meist wenig Beachtung findet und mit negativen Vorurteilen belegt ist.

Weit verbreitet ist die Meinung, dass metastasierter Brustkrebs ein sofortiges Todesurteil bedeutet. «Grundsätzlich gilt: Metastasierter Brustkrebs ist unheilbar. Allerdings leben Frauen mit rein knochenmetastasiertem Brustkrebs oft sehr lange. Ich kenne Verläufe über zehn Jahre oder noch länger», sagt Prof. Dr. Andreas Günthert, Gynäkologe und Onkologe am Kantonsspital Luzern.

Am häufigsten treten Metastasen bei Brustkrebspatientinnen in den Knochen (bis 60 Prozent aller Metastasen), der Lunge (bis 20 Prozent) oder der Leber (bis 10 Prozent) auf und seltener im Gehirn. Bei Ursula Meier wurde 2012 Brustkrebs mit Metastasen diagnostiziert. «Trotz Mammografie und Ultraschall wurde mein Tumor nicht entdeckt.

Erst als er acht Zentimeter gross war, wurde eine Biopsie gemacht und brachte die Diagnose ans Licht.» Was folgte, war und ist ein Behandlungsmarathon. Chemotherapie, Operation, Bestrahlung. Die Behandlungen schlugen an und meine Situation ist heute dank Dauerchemo und vielen anderen Medikamenten stabil.» Ursula Meiers Motto: «Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.»

Erhalt einer guten Lebensqualität

Tatsächlich kann das Fortschreiten von metastasiertem Brustkrebs oft über viele Jahre gebremst oder gar zum Stillstand gebracht werden. «Wir sprechen heute von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren, allerdings mit einer grossen Spannbreite.

Die Zahlen haben sich in den letzten Jahren deutlich nach oben entwickelt. 25 Prozent der Frauen mit metastasiertem Brustkrebs leben nach fünf Jahren noch», so Prof. Günthert. Es handelt sich also vielmehr um eine chronische Erkrankung, mit der die meisten Frauen gut leben können.

Neben der Linderung körperlicher und psychischer Beschwerden rückt deshalb der Erhalt einer guten Lebensqualität stark in den Vordergrund. «Lebensqualität spielt über das Medizinische hinaus eine wichtige Rolle. Unsere Aufgabe ist es, die Frau vom Moment der Diagnose auf diesem Weg zu unterstützen.

Zudem vermitteln wir auch Kontakte etwa zu Sozialdiensten, Selbsthilfegruppen oder psychologischen Dienstleistungen», sagt Annett Noack, Breast Care Nurse am Zuger Kantonsspital. Die Breast Care Nurse ist eine onkologische Pflegefachfrau, die sich auf Begleitung, Betreuung und Beratung von Frauen mit Brustkrebs spezialisiert hat.

«Es gibt noch zu wenig Unterstützung»

Wie erlebt Ursula Meier die Betreuung? «Die Angst ist beim Krebs das Schlimmste. Rückblickend kann ich heute sagen, dass ich extrem dankbar bin, hier in der Schweiz behandelt zu werden. Die medizinische Versorgung könnte nicht besser sein. Auch die Krebsliga hat mich beraten, aber (gute) Psycho-Onkologen/innen hat es viel zu wenig.»

Und wo besteht Verbesserungspotenzial? «Die berufliche und finanzielle Situation von Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs ist auch hierzulande schwierig. In diesem Bereich gibt es noch zu wenig Unterstützung. Das Informations- und Beratungsangebot muss hier weiter ausgebaut werden», sagt Prof. Günthert.

Der Faktor Lebensqualität wird im klinischen Alltag nicht systematisch erfasst. Da den Ärzten die Zeit und die Qualifikation für eine Sozialberatung fehlt, können Breast Care Nurses auf psychosozialer Ebene ergänzen.

Darüber hinaus jedoch werden Betroffene auch mit finanziellen und beruflichen Schwierigkeiten konfrontiert. «Auf diesen Ebenen wird zu wenig proaktive Unterstützung angeboten. Ideal wäre eine Art Case-Manager, der die Betroffenen in solchen Fragen beraten kann», sagt Ursula Meier. «Stellen Sie sich jemanden vor, wie Mr. Wolf aus Pulp Fiction, der an ihre Tür klopft und sagt: «Ich löse Probleme», stimmt Prof. Günthert zu.

Der Krankheit ein Gesicht geben

Gleichzeitig muss metastasierter Brustkrebs öffentlich besser wahrgenommen werden. Dazu Donatella Corbat: «Um sicherzustellen, dass auch Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs eine ausreichende Unterstützung erhalten, müssen wir das Bewusstsein schärfen und das Verständnis für diese Krankheit in der Schweiz und in ganz Europa fördern.»

Wie lebt Ursula Meier heute, fünf Jahre nach der Diagnose? «Die Schulmedizin hat mir das Leben gerettet (und tut es immernoch), aber es braucht noch mehr fürs Überleben. Mir hilft unter anderem das Umfeld, der Sport, mentales Training, Komplementärmedizin und mein Glaube dabei, dass ich trotz dieser schrecklichen Krankheit eine gute Lebensqualität habe».