Was Palliative Care bedeutet, verstehen viele falsch. Wer glaube, dass es sich lediglich um die Pflege in der kurzen Zeit vor dem Tod handle, sei von Falschinformation in den Medien irregeleitet worden, sagt Catherine Bass, Geschäftsleiterin von Onko Plus. «Grundsätzlich geht es in der palliativen Pflege um die Pflege von Patienten, die mit unheilbaren Krankheiten leben», erklärt sie. «Es betrifft nicht nur die 2 bis 3 letzten Lebenswochen, sondern kann auch ein oder zwei Jahre andauern.»

Vorallem Krebs, aber nicht nur

Die allermeisten der Patienten, die palliative Pflege benötigen, leiden an Krebs: Bei Onko Plus sind es lediglich 15 %, die nicht an Krebs erkrankt sind, sondern andere fatal verlaufende Krankheiten haben. Diese grosse Anzahl an Krebspatienten erklärt sich Catherine Bass unter anderem statistisch: Es erkranken jedes Jahr 30 000 Personen in der Schweiz neu an Krebs, trotz Fortschritt der Medizin sterben immer noch viele an der Volkskrankheit Nummer eins.

Dies ist ein Grund, weshalb die Krebsliga Schweiz und die kantonalen Krebsligen die Palliative Care vorangetrieben haben und auch weiterhin fördern. In den letzten 5 Jahren wurden aber zunehmend auch andere Krankheiten ins Zentrum gerückt, wie zum Beispiel ALS, Multiple Sklerose oder Herzkrankheiten. «Palliative Care sollte für jedermann, egal welche Krankheit die Person hat, zugänglich sein», sagt Bass dazu.

Können aber auch alle Patienten von der Palliativpflege behandelt werden? «Grundsätzlich ja, sofern die Strukturen vorhanden sind. Dies ist jedoch kantonal noch unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel nicht in jedem Kanton ein mobiles Palliative Care Team», sagt Bass. Eigentlich sei aber alles machbar: Palliative Chemotherapien könne man problemlos zu Hause durchführen, sowie auch Schmerztherapien mit Schmerzpumpen.

«Wichtig ist, dass es der Patient will – und dass die Angehörigen dafür bereit sind.» Auf diesen Punkt kommt Bass immer wieder zu sprechen. Einen sterbenskranken Patienten zu Hause zu betreuen, eventuell mit Schläuchen und Nadeln, kann für Angehörige sehr belastend sein. Deshalb ist es wichtig, dass die Situation mit allen Beteiligten (Patient, Angehörige, Hausarzt, Spitex, Spital, usw.) gut abgesprochen wird und die Rahmenbedingungen für alle stimmen.

80 % wollen zu Hause sterben

Wichtig sei es auch, dass sich der Pa­tient wohl fühle, erläutert Bass weiter. Obwohl die Pflege mit der Spitex gut abgesprochen wird und es sehr selten zu Notfällen kommt, muss sich der Patient zu Hause sicher fühlen können. Ein Gefühl, das anscheinend bei vielen vorhanden ist: Über 80 % wünschen es sich, zu Hause im eigenen Bett sterben zu können.

Diese Zahl beeindruckt auf den ersten und verwirrt auf den zweiten Blick, denn nur etwa 20 % aller Pa­tienten erleben ihre letzte Krankheits­etappe tatsächlich in den vertrauten vier Wänden. Da fast alles von der palliativen Pflege behandelbar ist – wie kann man sich diesen frappanten Unterschied erklären?  
Catherine Bass findet es eine schwierige Frage, zögert merklich mit der Antwort.

«Viele wissen nicht vom Angebot», sagt sie schliesslich. «Andere trauen es sich nicht zu, weil sie zu wenig informiert sind. Die Palliative Care ist auch von den Strukturen, von den Ärzten und den zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel abhängig. Dazu ist das Angebot noch nicht genügend ausgebaut.» Onko Plus, ihre Organisation, ist hier ein gutes Beispiel: Acht bis neun Pflegefachfrauen sind für den ganzen Kanton Zürich zuständig, mit teilweise sehr langen Wegfahrten zu den Patienten.

Durchschnittlich kümmern sie sich um 400 Patienten im Jahr, obwohl theoretisch mehr für ihren Dienst in Frage kämen. Die Equipen ergänzen dabei die Spitex und behandeln bei den Besuchen die sehr komplexen Probleme, die die Spitex nicht wahrnehmen kann, wie zum Beispiel komplexe Chemotherapien oder Schmerzlinderungen mit Schmerzpumpen.

Grösstmögliche Lebensqualität bieten

Am wichtigsten für die Patienten sei es aber, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität so hoch wie möglich zu halten, sagt Bass. Auch das Beraten und Zuhören gehöre hier dazu, sowie die Weitervermittlung an andere Organisationen, falls die Patienten andere Anliegen haben, wie zum Beispiel eine Beratung zu finanziellen Angelegenheiten. Alles zusammen sei es wichtig, dem Patienten die grösstmögliche Lebensqualität zu ermöglichen: Etwas, was für mehr Patienten wünschenswert wäre, als nur für die 20%, die momentan bis zuletzt zu Hause leben können.