Etwas grundsätzlich Neues ist die Palliativmedizin nicht: Seit jeher hat man versucht, unheilbar Kranken das Lebensende zu erleichtern. Doch in letzter Zeit seien einige neue Erkenntnisse in die Disziplin eingeflossen, sagt Roland Kunz. Der Chefarzt leitet am Spital Affoltern ein Kompetenzzentrum für Palliative Care. In einer Villa auf dem Spitalareal werden rund zehn kranke Menschen von einem multidisziplinären Team betreut.

«Statt die Diagnose zu bekämpfen, versuchen wir, die aktuelle Situation zu verbessern», erklärt der Arzt. Wenn Todkranke auf einer Akutstation gepflegt werden, wie in anderen Spitälern üblich, seien sie dem Stress und der Prozessoptimierung ausgesetzt. «Dort muss alles möglichst schnell gehen. Doch diese Menschen brauchen Ruhe statt Hektik.»

Keine Angst vor Opiaten

Die Villa Sonnenberg sei aber nicht primär ein Sterbehospiz, betont Kunz. Die kranken Menschen treten ein, um ihre oft komplexen Symptome behandeln zu lassen und danach wieder nach Hause zurückzukehren. Viele notfallmässige Hospitalisationen können vermieden werden, indem man über mögliche Komplikationen aufgeklärt. Angehörige müssten zum Beispiel wissen, wie zu reagieren ist, wenn Kranke nachts mit Atemnot aufwachen.

Das wichtigste Medikament in der Schmerzbekämpfung ist nach wie vor das Morphium. Doch der Umgang mit der uralten Substanz hat sich verändert: Während es früher erst im Endstadium verabreicht wurde, beginnt man heutzutage schon frühzeitig mit kleinen, gut verträglichen Dosen. Es stehen vielfältige Präparate und Dosierungen zur Verfügung: Pflaster geben geringe Dosen durch die Haut ab, Retardpräparate setzen den Wirkstoff langsam frei, Pumpen spritzen das Medikament direkt in die Blutbahn, wobei Betroffene die Dosis bei Bedarf selbstständig erhöhen können.

«Unter Morphium kann man sogar arbeiten und autofahren», sagt der Präsident der Fachgesellschaft palliative ch. Früher habe man aus Angst vor Suchtentwicklung zu lange gewartet und dann zuviel gespritzt. So sei es den Patienten häufig übel geworden..

Weniger Schmerzen, weniger Stress

Mit dem neuen Ansatz könnten den Patienten die Schmerzen zu 90 Prozent genommen werden, sagt Kunz. Für die Bekämpfung von anderen Problemen wie Appetitlosigkeit, Erschöpfung und Übelkeit stehen ebenfalls Medikamente zu Verfügung. Aber auch Physio- und Psychotherapie sowie Ernährungsberatung tragen ihren Teil zum Wohlergehen der Patienten bei. Doch nimmt man durch den freizügigen Einsatz von Opiaten nicht in Kauf, das Leben zu verkürzen? Im Gegenteil, sagt Kunz: «Man weiss heute, dass man das Leben eher verlängert, indem man den Stress reduziert.»