Nach der Diagnose Krebs sieht sich der Betroffene unerwartet am Scheideweg zwischen Leben und Tod. Ob der Krebs geheilt werden kann oder nicht, das Leben ist nicht mehr dasselbe wie zuvor. Denn eine Tumorerkrankung stellt eine körperliche Belastung dar und auch die Seele leidet mit. Selbst wenn die Therapie erfolgreich verlief, haben viele Mühe, zum Alltag zurückzukehren. «Nebst körperlichen Symptomen wie Müdigkeit, Schwächegefühlen und einer Veränderung der Sinne kann die Krebserkrankung und deren Behandlung auch zu starkem Gewichtsverlust führen», erklärt Dr. med. Nic Zerkiebel, Chefarzt der Klinik Susenberg in Zürich.

Doch abgesehen von den körperlichen Nachwehen einer Chemotherapie, Operation oder Bestrahlung, bleibt nach abgeschlossener Therapie die Angst, der Krebs könnte zurückkehren. Denn während in der Therapiephase aktiv etwas gegen die Krankheit getan wird, bleibt danach oft nur eines: Abwarten. Dank onkologischer Rehabilitation wird der Patient nicht sich selbst überlassen. «Jeder Krebspatient, der eine Einschränkung seiner Selbständigkeit oder Lebensqualität durch den Krebs erfährt, kann von onkologischer Rehabilitation profitieren», sagt Zerkiebel.

Erhalten einfacher als Wiederherstellen

Ob unheilbar oder heilbar erkrankt, jeder Krebspatient kann ein breites Rehabilitations-Angebot von ärztlicher Betreuung über Physio- und Ergotherapie bis hin zur Ernährungsberatung und psycho-onkologischen Unterstützung nutzen. Verschiedene Berufsgruppen arbeiten koordiniert zusammen, um gemeinsam mit den Betroffenen konkrete Behandlungsziele zu formulieren und einen entsprechenden Therapieplan zusammenzustellen.

Wichtiges Element der onkologischen Rehabilitation ist bei der ärztlichen Betreuung die Linderung von Symptomen wie Schmerzen, Übelkeit und Atemnot durch optimale medikamentöse Einstellung. Müdigkeit, Kraftlosigkeit und das Gefühl der Schwäche können durch Physio-, Bewegungs- und Sporttherapie vermindert werden, wodurch Belastbarkeit und Mobilität zunehmen. Dabei gilt: Erhalten ist einfacher als Wiederherstellen. Je früher mit dem Wiederaufbau von Kraft und Ausdauer begonnen wird, desto besser.

Ambulant, teilstationär oder stationär?

«Die Rehabilitationsbedürftigkeit ist oft schon früh innerhalb des Krankheitsverlaufes gegeben, die Rehabilitationsfähigkeit kann beispielsweise durch eine Lungenentzündung im Anschluss an eine Chemotherapie vorübergehend eingeschränkt sein», weiss der Experte. Doch nicht nur der optimale Zeitpunkt für eine Rehabilitation ist von Patient zu Patient verschieden, auch die Therapieform muss individuell gewählt werden.

Dabei ist ambulante, teilstationäre und stationäre Rehabilitation möglich. Die Form mit der höchsten Autonomie ist die ambulante Behandlung von zu Hause aus. «Dies setzt aber eine genügende Selbständigkeit und Mobilität voraus und braucht gute Koordination der oft an verschiedenen Orten lokalisierten Therapieangebote», erklärt Zerkiebel. Der grosse Vorteil: Die Therapie kann berufsbegleitend laufen. Bei der teilstationären onkologischen Rehabilitation verbringt der Betroffene den Tagesverlauf in der Rehabilitationsstätte und die Nacht zuhause. Ist man aus medizinischen Gründen spitalbedürftig, bleibt dem Patienten oft nur stationäre Behandlung.

Rehabilitationsbedarf wird zunehmen

Doch nicht nur kurative Medizin sieht Rehabilitationsmöglichkeiten vor, onkologische Rehabilitation steht auch unheilbar Erkrankten zur Verfügung. Als ärztlicher Leiter einer Klinik, in der eine der ersten Palliativ-Stationen im Raum Zürich entstand, weiss Zerkiebel, wie wirkungsvoll auch für Palliativpatienten die Kombination aus Symptomlinderung und onkologischer Rehabilitation sein kann. Autonomie sei dabei ein wichtiger Aspekt. Häufig könne durch gute Symptomkontrolle und kompensatorische Elemente die Selbstständigkeit und Lebensqualität spürbar verbessert werden. «Zudem profitieren auch die onkologischen Rehabilitationspatienten vom palliativmedizinischen Fachwissen des behandelnden Teams zur optimalen Symptomkontrolle», so Zerkiebel.

Problematisch befindet er die Koordination der Angebote im ambulanten und teilstationären Bereich. Obschon die bisherigen Ergebnisse der Therapieformen sehr erfreulich seien, brauche es weitere Studien, um Wirksamkeit und Kosteneffizienz nachzuweisen. «Der schweizweite Bedarf an Rehabilitationsangeboten wird zunehmen – der Kanton Zürich geht von einer 20-prozentigen Zunahme bis 2020 aus.» Eine weitere Schwierigkeit: «Das Angebot ist noch zu wenig bekannt, auch viele Onkologen verkennen den Nutzen der onkologischen Rehabilitation.»