Verschiedene Studien belegen, dass ein entscheidender Faktor ist, wo eine Frau mit Brustkrebs behandelt wird. «Diese zeigen Unterschiede in den Überlebenschancen von bis zu 40 Prozent», sagt Rageth. Einer der Gründe, weshalb der Mediziner Christoph Rageth vor zehn Jahren das Brust-Zentrum im Zürcher Seefeld mitgründete. Angefangen mit einer Partnerin und zwei Praxismitarbeiterinnen, arbeiten dort heute 35 Leute im 1000 Quadratmeter grossen Brustzentrum, unter anderem mehrere Gynäkologen, Radiologen, Onkologen sowie ein Chirurg, eine Psychologin und eine auf Brustkrebs spezialisierte Pflegefachfrau – eine sogenannte «breast-care-nurse».

Zudem arbeitet das Brust-Zentrum mit externen plastischen Chirurgen sowie einem Netz von rund hundert Ärzten, welche Patientinnen dem Zentrum zur Abklärung zuweisen und danach gemeinsam weiterbehandeln. Auch die Frauenkliniken des Zürcher Universitätsspitals und des Spitals Zollikerberg stehen mit dem Brust-Zentrum in enger Kooperation. «Der interdisziplinäre Austausch ist sehr wichtig», sagt Rageth. Dadurch könnten die Patientinnen besser betreut werden.

Bald Zertifizierungen in der Schweiz


«Brust-Zentrum ist aber nicht gleich Brust-Zentrum», warnt Rageth. Der Begriff sei nicht geschützt, und «manche, die sich Brustzentren nennen, verdienen diesen Namen nicht», sagt er. Die Europäische Gesellschaft der Brustkrebs-Spezialisten (EUSOMA) hat deshalb vor elf Jahren Qualitätsrichtlinien eingeführt, die ein Brust-Zentrum erfüllen muss, um eine Zertifizierung zu erhalten. 25 Zentren wurden seit dem von der EUSOMA zertifiziert, darunter eines im Kanton Tessin und das Brust-Zentrum Seefeld gemeinsam mit jenem der Frauenklinik der Universität Zürich.

In Deutschland hat man darauf eigene Richtlinien eingeführt und über 250 Zentren eine Zertifizierung verliehen, davon zwei in der Schweiz: Die Kantonsspitäler Luzern und Baden. In Anlehnung daran hat man hierzulande in den letzten fünf Jahren an eigenen, auf die Schweiz zugeschnittenen Brustzentrums-Richtlinien gearbeitet. Die Krebsliga und die Schweizerische Gesellschaft für Senologie (SGS) lancieren nun ihr eigenes Qualitätssiegel, mit dem Ziel, die Qualität zu fördern, Orientierungshilfe zu bieten und die Transparenz zu erhöhen. Im Herbst läuft das erste Zertifizierungsverfahren, im Frühjahr 2012 sollen die ersten fünf Zertifizierungen erteilt werden. «Langfristig werden zehn bis 15 Zentren in der Schweiz zertifiziert», sagt Rageth, der als Präsident der SGS amtiert.

Konferenzen und «breast-care-nurse» werden Pflicht


Auf der Homepage der Krebsliga sollen die zertifizierten Zentren aufgelistet werden. In der Schweiz sind die Anforderungen an die Anzahl Operationen etwas geringer als in Deutschland. «Dafür sind unsere Richtlinien strenger, was die Ausbildung der Onkologen und die Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen betrifft», sagt Rageth. In der Schweiz würden die Netzwerke in den Vordergrund gestellt, und die zertifizierten Zentren müssten an Studien teilnehmen. «Die Zentren müssen ihre Qualifikation nachweisen und ihre Zahlen bekannt geben», sagt Rageth. Das bringe viele Pflichten mit sich, zum Beispiel in der zur Verfügung gestellten Kapazität – eine «breast-care-nurse» ist Pflicht – und der Infrastruktur.

Ein «Fünf-Punkte-Plan» muss von den zertifizierten Kliniken und den Mitgliedern des Ärztenetzwerks befolgt werden. Demnach soll vor jeder Operation eine interdisziplinäre Besprechung im Brustzentrums-Kernteam stattfinden, ein erfahrener Chirurg soll die Operation assistieren, nach der Operation soll für die weitere Planung wieder eine Konferenz durchgeführt werden, die Patientin soll regelmässig zu Nachkontrollen eingeladen werden und jedes Brust-Zentrum muss Daten sammeln und in einer Datenbank zur Verfügung stellen.