Wie kann es bei Krebs zu Knochenerkrankungen kommen?

Tomas Skacel: Zwei besonders gravierende Erkrankungen sind in diesem Zusammenhang die sekundäre Osteoporose sowie Knochenmetastasen. Die sekundäre Osteoporose betrifft vor allem Krebs im frühen Stadium und kann als Begleiterscheinung mancher Behandlungsmethoden auftreten.

Welche Behandlungsmethoden sind das?

Vor allem Brust- und Prostatakarzinome sind oft hormonsensitiv, das heisst, das Wachstum der Krebszellen wird durch die Hormone Östrogen beziehungsweise Testosteron zusätzlich angeregt. Dem begegnet man mit einer hormonablativen Therapie, die das Hormon- und somit das Karzinom-Wachstum reduziert.

Da durch diese Therapie gleichzeitig auch der Knochenaufbau gehemmt wird, entsteht häufig eine sekundäre Osteoporose. Dadurch verringert sich die Knochendichte, das Frakturrisiko steigt an. Die Lebensqualität dieser Patienten, die durch die Krebsbehandlung sowieso schon stark belastet sind, wird dadurch zusätzlich beeinträchtigt.

Sie haben Knochenmetastasen als zweite gravierende Erkrankung genannt – um was handelt es sich hier genau?

Wenn sich der Krebs in einem fortgeschrittenen Stadium befindet, breitet er sich aus. Manchmal greift er auch das Skelett an und bildet dann Knochenmetastasen. Diese Erkrankung führt häufig zu Knochenbrüchen an ganz unüblichen Stellen, beispielsweise den Rückenwirbeln. Da die Metastasen den Knochen sozusagen durchlöchern, können Brüche ohne grosse Krafteinwirkung entstehen – etwa wenn man etwas Schweres hochheben will. Daher ist diese Krankheit für die Patienten oft mit sehr grossen Schmerzen verbunden.

Betrifft dieses Problem sämtliche Krebspatienten?

Wie bei der sekundären Osteoporose sind auch hier vor allem Patienten mit Brust- und Prostatakrebs betroffen. Wenn man bedenkt, dass alleine in der Schweiz jedes Jahr rund 5700 Männer an Prostatakrebs und rund 5200 Frauen an Brustkrebs erkranken, wird schnell klar, dass schwerwiegende Knochenerkrankungen für eine grosse Anzahl Menschen ein bedeutendes Risiko darstellen. Zudem können auch Tumore in der Schilddrüse, der Lunge und den Nieren Knochenmetastasen bilden.

 Die Knochenkrankheiten, die durch den Krebs hervorgerufen werden, sind für viele Ärzte aber noch kein grosses Thema. Warum?

Knochenmetastasen werden in der Regel sehr schnell erkannt und behandelt. Doch mit Blick auf die sekundäre Osteoporose müsste die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Spezialisten unbedingt verbessert werden. Zum Beispiel führt der Urologe bei einem Patienten mit Prostatakrebs eine Hormontherapie durch. Doch wenn der Patient in Folge von sekundärer Osteoporose eine Fraktur erleidet, wird er von einem Chirurgen behandelt – der Urologe erfährt davon oft nichts.

Die Osteoporose kann folglich nicht korrekt behandelt werden; der Patient muss möglicherweise weitere Knochenbrüche in Kauf nehmen. An vielen Uni-Spitälern wurden darum so genannte Tumorboards eingeführt – vor allem kleinere Spitäler haben hier jedoch noch Aufholbedarf.

Welche sonstigen Massnahmen wären sinnvoll?

Wichtig ist natürlich die Suche nach neuen Behandlungsmethoden. Erfreulicherweise macht die Wissenschaft hier Fortschritte: Amgen-Forscher entdeckten Mitte der Neunziger-Jahre das Molekül RANKL, das für den Knochenabbau zuständig ist – und konnten einen Wirkstoff entwickeln, der die Wirkung dieses Moleküls hemmt und damit den Wiederaufbau der Knochen fördert. Doch neben der Forschung ist auch die kontinuierliche Fortbildung von Ärzten und Pflegepersonal sehr wichtig.

Kann man sich denn speziell in Sachen Knochengesundheit weiterbilden?

Auf jeden Fall. Amgen unterstützt beispielsweise die Skeletal Care Academy: Bei diesem Fort- und Weiterbildungsprogramm können sich Onkologen, Pflegekräfte von Krebsstationen sowie Vertreter von Patientenorganisationen über den Zusammenhang von Knochenerkrankungen und Krebs informieren – und mehr über mögliche Behandlungsmethoden und die Versorgung von betroffenen Patienten erfahren.