Die Immunonkologie steht für eine neue Ära der Krebstherapie, indem sie das körpereigene Abwehrsystem nutzt, um Krebszellen anzugreifen. «In letzter Zeit haben entscheidende Fortschritte beim Verständnis des Immunsystems zur Entwicklung neuer Immuntherapien geführt, welche die Immunantwort der Patienten stärken und eine Antitumoraktivität ermöglichen können», erläutert Onkologe Prof. Alfred Zippelius, vom Universitätsspital Basel.

Die Immunonkologie sei heute ein Forschungs- und Entwicklungsbereich von hoher Priorität. Nach intensiver Forschung hätten mehrere klinische Studien das Potenzial des Ansatzes zur Krebsbekämpfung verdeutlicht.

Dieselben Signalwege beeinflussen

Derzeit sind Chirurgie, Bestrahlung sowie Chemo- und andere zielgerichtete Therapien die typischen Therapieoptionen bei den meisten fortgeschrittenen Krebserkrankungen. Trotz dieser therapeutischen Möglichkeiten sind die Heilungschancen bei Patienten mit soliden Tumorerkrankungen, die andere Organe befallen haben, also sogenannte Metastasen gebildet haben, sehr gering.

«Das Bedürfnis nach neuen therapeutischen Ansätzen, die das Langzeitüberleben und die Lebensqualität bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen optimieren, ist entsprechend gross», betont Zippelius. Hier könne die Immunonkologie bahnbrechend sein. Das Prinzip basiert auf der Tatsache, dass das Immunsystem eines der stärksten und wirkungsvollsten Instrumente des Körpers zur Erkennung und Bekämpfung von Erkrankungen ist.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Therapien, die direkt auf den Tumor abzielen, machen immunonkologische Wirkstoffe sich die natürlichen Fähigkeiten des körpereigenen Immunsystems zur Krebsbekämpfung zunutze. Dies geschieht, indem unter anderem exakt die Signalwege beeinflusst werden, die von Tumorzellen genutzt werden, um ihrer Erkennung und Zerstörung zu entgehen.

Netzwerk unterschiedlicher Zellen

Das Immunsystem ist eines der komplexesten Systeme des menschlichen Körpers und in erster Linie dafür zuständig, Bakterien, Parasiten, Viren und andere Krankheitserreger, die in den Körper eindringen, zu erkennen und zu bekämpfen. Es umfasst ein interagierendes Netzwerk von unterschiedlichen Zellen, Geweben und Organen, die bei der Erkennung und Entfernung abnormer Zellen aus dem Körper koordiniert zusammenarbeiten.

Ein wichtiger Bestandteil dieses Netzwerkes sind die sogenannten T-Zellen. Innerhalb des Immunsystems gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt.Dabei handelt es sich um leistungsfähige weisse Blutkörperchen (Lymphozyten), die infizierte oder abnorme Zellen beseitigen oder neutralisieren können und die jeweils spezielle Funktionen innerhalb des Immunsystems übernehmen.

So erkennen T-Killerzellen abnorm veränderte Zellen und eliminieren sie. T-Helferzellen übernehmen wichtige Hilfsfunktionen bei der Regulierung von Immunprozessen, während Memory-T-Zellen, die auch als T-Gedächtniszellen bezeichnet werden, eine Art von «immunologischem Gedächtnis» bilden, so dass bei erneutem Auftreten desselben Störfaktors wie etwa einer Infektion die passenden Immunvorgänge rascher in Gang gesetzt werden.

Regulatorische T-Zellen (oder T-Suppressorzellen) wiederum regulieren die Aktivität des Immunsystems, damit es nicht zu einer überschiessenden Reaktion kommt, in der das Immunsystem körpereigene Zellen angreift.

Körperfremde Antigene

«Über B- und T-Zell-Rezeptoren kann das Immunsystem Krebszellen erkennen und zerstören», sagt Physiker und Arzt Olivier Michielin von der Universität Lausanne. T-Zellen greifen direkt die Tumorzellen an, B-Zellen beteiligen sich an der Immunreaktion durch Antikörper.

Tumorzellen können eine Immunreaktion auslösen, weil sie meist Oberflächenmoleküle (Antigene) tragen, die sich nicht auf den unveränderten körpereigenen Zellen finden. Das Immunsystem erkennt diese Antigene als körperfremd und greift sie in der Folge an.

«Zytotoxische T-Lymphozyten produzieren beispielsweise giftige Substanzen und bewirken so den Tod infizierter oder tumoröser Zellen», erklärt Michielin. Dabei unterliegen die T-Zellen einer strengen körpereigenen Regulation, da eine unkontrollierte Aktivität und Vermehrung dazu führen könnte, dass sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet.

Obwohl das Immunsystem in der Lage ist, den Körper effektiv gegen fremde Substanzen zu schützen, können Tumorzellen diesem Verteidigungssystem oft entgehen. Bei einigen Krebsarten präsentieren die Krebszellen zum Beispiel keine Antigene, so dass sie nicht erkannt werden können. Zudem können Tumorzellen chemische Stoffe freisetzen, die eine Immunreaktion unterdrücken oder die Wirkung der T-Zellen blockieren.

Nebenwirkungen im Griff

Durch die Stimulierung des Abwehrsystems können Immunzellen überschiessend aktiviert werden, so dass auch normale Organe attackiert werden. Deshalb muss eine Behandlung immunvermittelter Nebenwirkungen auf eine Dämpfung des Immunsystems abzielen.

«Eine frühzeitige Behandlung dieser Nebenwirkungen ist entscheidend. Die Patienten sollten daher engmaschig kontrolliert werden. In den meisten Fällen haben wir die Nebenwirken gut im Griff», fasst Alfred Zippelius zusammen.