Mediaplanet: Was versteht man unter einer Chronischen Lymphatischen Leukämie?

Dr. med. Michael Gregor: Die Chronische Lymphatische Leukämie (CLL) ist eine häufige Form von Blutkrebs, bei der es zu unkontrolliertem Wachstum der sogenannten B-Lymphozyten, einer Untergruppe der weissen Blutkörperchen, kommt. CLL gehört jedoch zu den weniger aggressiv fortschreitenden Lymphomen. Bei rund drei Viertel der Patienten wird die Erkrankung zudem zu einem Zeitpunkt diagnostiziert, wenn der Patient keine Symptome spürt.

Warum dann überhaupt die Diagnose, wenn es keine Symptome gibt?

Das kann etwa im Rahmen einer Blutuntersuchung vor einer Operation oder bei einem Check-up geschehen. Diese beschwerdefreien Patienten werden dadurch unerwartet mit der Diagnose Krebs konfrontiert, was verständlicherweise sehr starke Reaktionen und Ängste auslöst.

Was sind die grössten Herausforderungen in der Behandlung von CLL?

Bei den meisten Patienten mit einer behandlungsbedürftigen CLL kann man mit einer Chemoimmuntherapie oder einer neueren gezielter wirkenden Substanz eine langanhaltende Linderung der Symptome bei guter Lebensqualität erreichen. Eine grosse Herausforderung ist die Behandlung derjenigen Patienten, welche diese Therapien nicht tolerieren oder darauf ungenügend ansprechen. Dann wird die Behandlung der CLL schwieriger für Ärzte und besonders die Patienten.

Gibt es auch Situationen, in denen eine Behandlung nicht sinnvoll ist?

Absolut. Mit einer Behandlung kann bei CLL zugewartet werden, bis die Krankheit tatsächlich Beschwerden verursacht oder die Blutwerte bestimmte Schwellenwerte erreichen. Damit man die Entwicklung verfolgen kann, werden zunächst alle drei Monate Kontrollen durchgeführt. Sind die Ergebnisse über einen bestimmten Zeitraum stabil, kann man den Kontrollzyklus auch auf sechs Monate reduzieren.

Eine frühzeitige Behandlung bringt also keine Vorteile?

Tatsächlich haben mehrere klinische Studien ergeben, dass bei beschwerdefreien Patienten in Frühstadien eine Chemotherapie oder eine Antikörpertherapie keine Vorteile bringt. Da das Blut und Knochenmark bereits bei der Diagnose durch CLL befallen sind, ist es zudem nicht möglich, die Erkrankung im Frühstadium durch einen «kleineren Eingriff» oder eine weniger intensive Therapie erfolgreicher zu behandeln.

Wie erleben Patienten diese sogenannte «Watch and Wait»-Periode?

Die Neudiagnose einer CLL löst bei jedem Patienten Sorgen und Ängste aus. Nach einer sorgfältigen Aufklärung und bei Bedarf auch Unterstützung durch Fachpersonen oder Selbsthilfegruppen können die meisten Patienten ihre Erkrankung jedoch akzeptieren. Die gelingt natürlich besonders gut, wenn die Patienten langfristig beschwerdefrei bleiben und stabile Blutwerte aufweisen.

Wie wichtig ist es, dass sich Patienten während des Behandlungsprozesses ihres emotionalen Zustands bewusst sind?

Eine positive Einstellung ist nicht nur während der «Watch and Wait»-Periode, sondern auch während der Behandlungsphase vorteilhaft, um zunächst mit der Diagnose und später mit möglichen Nebenwirkungen der Therapie zurechtzukommen.

Welche Ratschläge können Sie Betroffenen geben, die mit der Angst vor dem Rückfall zu kämpfen haben?

Bei den meisten Patienten können mit einer Chemoimmuntherapie oder einer gezielt wirkenden Therapie lang anhaltende Linderungen der Symptome erreicht werden. Auch wenn es zu einem Rückfall kommen sollte, stehen immer mehr wirksame Substanzen zur Verfügung, mit welchen die CLL wieder längere Zeit stabilisiert werden kann. Wenn die Ängste vor einem Rückfall zu gross und belastend werden, kann es den Betroffenen auch helfen, psychoonkologische oder psychiatrische Unterstützung einzuholen.

Info

Weitere Informationen finden Sie unter: https://lymphoma-center.ch/was-ist-cll/