Dr. Aebersold
Direktor und Chefarzt an der Universitätsklinik für Radio-Onkologie am Inselspital Bern

Allgemein bekannt und etabliert in der Krebsbehandlung ist der Einsatz von Linearbeschleunigern. Diese ermöglichen es, dass die Krebszellen im Vergleich zu den früher verwendeten Kobaltgeräten präziser bestrahlt werden können. So wird das umliegende Gewebe effektiver geschont, und Nebenwirkungen der Therapie treten deutlich seltener auf. Dies öffnete der Strahlentherapie die Türe in die moderne Krebstherapie. Während die Patienten für eine typische Radiotherapie in vielen Einzelsitzungen über mehrere Wochen behandelt werden, wird die stereotaktische Radiochirurgie in einem einzigen Tag durchgeführt. «Darunter versteht man eine Spezialform der perkutanen Bestrahlung, bei der mit Hilfe externer stereotaktischer Referenzsysteme sehr präzise, hoch dosierte und in aller Regel kurative Einzeitbestrahlungen durchgeführt werden können», erläutert Professor Daniel M. Aebersold, Direktor und Chefarzt an der Universitätsklinik für Radio-Onkologie am Inselspital Bern. Die stereotaktische Radiochirurgie wurde historisch gesehen für Hirntumoren entwickelt und nahm eine invasive Fixierung, das heisst einen an den Schädelknochen angeschraubten Ring, zur Hilfe, um die notwendige Positionierungsgenauigkeit zu erreichen. Die dadurch ermöglichte Hochpräzisionsbestrahlung erlaubt es beispielsweise, gut abgrenzbare und kleinvolumige tumoröse Läsionen des Hirns mit einer einzigen Bestrahlungssitzung radikal zu behandeln. «Ausschlaggebend dafür sind ein steiler Dosisabfall gegen Risikoorgane und die Sicherheit der millimetergenauen Positionierung des Patienten», so Aebersold.

Extrakranielle Radiochirurgie
Die technologische Entwicklung ging in den letzten Jahren mit grossen Schritten voran: Anstelle der invasiven Fixation trat die ultrapräzise Positionierung des Patienten durch intelligente Bildgebung am Bestrahlungsgerät. Dadurch gelang es, dieses Prinzip der stereotaktischen Radiochirurgie auf neue Indikationen ausserhalb des Hirns auszuweiten. Die neue Applikationsform nennt sich extrakranielle Radiochirurgie. Möglich wurde diese Entwicklung auch durch den Einsatz von immer leistungsfähigeren Computern, welche nicht nur grosse Bilddatenmengen verarbeiten, sondern auch für die 3-dimensionale Bestrahlungsplanung immer mehr Rechenkapazität aufweisen müssen. Beispiele für den Einsatz der extrakraniellen Radiochirurgie sind kleine Tumoren der Lunge, Leber und der Wirbelsäule. Zudem wird in Studien auch die Wirksamkeit beim Prostatakarzinom untersucht. Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz dieser Technologie ist neben der minutiösen Qualitätssicherung und Expertise des Behan­dlungsthemas die Integration in evidenzbasierte onkologische Konzepte sowie die gemeinsame Indikationsstellung mit den Spezialisten chi­rurgisch-onkologischer Disziplinen: Heute wird bei der Behandlung der Patienten die bestmögliche Therapie von verschiedenen Spezialisten wie Chirurgen, Radio-Onkologen, medizinischen Onkologen, Pathologen und Radiologen an so genannten Tumorboards gemeinsam erarbeitet. Daraus resultiert im Idealfall eine effiziente Kombination verschiedener Behandlungsmethoden.

In Studien ausloten
Das Potenzial der extrakraniellen Radiochirurgie ist noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Als nicht-invasives Verfahren bietet sich diese Therapie bei einer Vielzahl von weiteren Krebs­erkrankungen an, bei denen eine chirurgische Tumorentfernung entweder technisch nicht möglich oder aber wegen eines zu schlechten Gesundheitszustands des Patienten nicht zumutbar ist. Allerdings muss dieses Potenzial der extrakraniellen Radiochirurgie innerhalb von kontrollierten klinischen Studienprotokollen noch weiter validiert werden.

Mit höchster Präzision
«Mit den heute zur Verfügung stehenden Hightech-Geräten können Bestrahlungen mit einer Präzision von wenigen Millimetern durchgeführt werden», sagt Aebersold. Eine der Hauptwirkungen der Strahlen besteht in der Störung der Zellteilung. Die Strahlung greift dabei die Erbsubstanz im Zellkern an, wodurch die Zelle die Fähigkeit verliert, sich zu teilen. Sie stirbt in der Folge ab. Jede Zelle verfügt jedoch über ein Reparatursystem, um solche Schäden zu beheben. Diese Fähigkeit zur Wiederherstellung ist in gesunden Zellen wesentlich ausgeprägter als in Tumorzellen. Das heisst: Die Strahlung schädigt den Tumor weitaus stärker als das umgebende Gewebe. Allerdings benötigen die Reparaturvorgänge im gesunden Gewebe Zeit. Deshalb wird die gesamte Bestrahlung bei Bedarf in mehreren Einzelsitzungen durchgeführt.