Eine Krebsdiagnose trifft Menschen oft aus heiterem Himmel. In den meisten Fällen stellt sie eine existenzielle Lebenskrise dar, denn die Krankheit an sich wie auch ihre Behandlung sind für viele der Betroffenen mit zahlreichen Belastungsfaktoren verbunden. «Neben den medizinischen Problemen bringt eine Krebserkrankung fast unvermeidbar grosse Ängste, tiefe Verunsicherungen und viel Ungewissheit mit sich», beschreibt Psychoonkologin Ina Harrsen die Situation.

Das Gefühl, plötzlich sozial und körperlich abhängig einer Krankheit ausgeliefert zu sein ist sehr schwer zu ertragen. Damit umzugehen, ist für Betroffene und Angehörige die grosse Herausforderung.

Hinzu komme, dass sich die sozialen Strukturen und damit häufig auch die persönlichen Rollen, die vielfach Sicherheit im Leben geben, verändern. Es kann bedeuten, dass man den Arbeitsplatz verliert oder zeitweise sein Pensum deutlich reduzieren muss. Damit können finanzielle Einbussen verbunden sein. In der Familie ändern sich womöglich die Verantwortlichkeiten, weil ein Partner nun wesentlich mehr Zeit zu Hause verbringen muss oder sich nicht mehr wie zuvor einbringen kann.

«Betroffene fühlen sich dadurch oft wie betäubt und können keinen klaren Gedanken mehr fassen. Viele können nicht mehr schlafen», schildert Ina Harrsen die Situation. «Das Gefühl, plötzlich sozial und körperlich abhängig einer Krankheit ausgeliefert zu sein, die einen so unmittelbar mit der Tatsache der eigenen Endlichkeit konfrontiert, ist sehr schwer zu ertragen», weiss die Fachärztin. «Eine Krebserkrankung lässt sich deshalb nicht einfach so verarbeiten und abhaken. Damit umzugehen, ist für Betroffene und Angehörige die grosse Herausforderung.»

Ziele der Psychoonkologie

Viele Krebspatienten und -patientinnen können diese Schwierigkeiten alleine oder mithilfe ihres sozialen Netzwerkes bewältigen. Bei über der Hälfte der Betroffenen ist im Verlauf der Erkrankung aber eine psychosoziale Beratung oder psychoonkologische Psychotherapie indiziert. «Die Psychoonkologie fokussiert nicht auf die Behandlung von psychischen Störungen, sondern unterstützt betroffene Menschen in Lebenskrisen», macht Ina Harrsen klar. «Sie kann dabei helfen, Möglichkeiten zu erkennen, um diese Krise zu bewältigen.»

Ambulant und stationär

Das psychoonkologische Tätigkeitsfeld im engeren Sinne umfasst Beratung und Psychotherapie. Dabei beinhaltet die psychoonkologische Beratung die Psychoedukation und unterstützende Begleitung für Krebskranke und Angehörige, während die psychoonkologische Therapie zusätzlich die Psychodiagnostik, Krisenintervention und psychoonkologische Psychotherapie umfasst.

Prinzipiell ist die psychoonkologische Begleitung in jedem Bereich der onkologischen Versorgung gefordert und schliesst ambulant und stationär tätige Fachpersonen und Institutionen ein. Durch die Entwicklung adäquater Bewältigungsstrategien soll die Krankheitsverarbeitung aller Beteiligten und während aller Krankheitsphasen gefördert und die Lebensqualität erhalten beziehungsweise wenn möglich verbessert werden.

«Es gibt keinen Königsweg, wie man mit einer Krebserkrankung umgehen soll. Manchmal hilft es schon, einen Ort zu haben, an dem man sich aussprechen und über Dinge wie die eigene Angst reden kann, mit der man seine Angehörigen womöglich nicht belasten möchte», erläutert Ina Harrsen. Stets gehe es bei der psychoonkologischen Unterstützung darum, die Stärken und Fähigkeiten der Betroffenen wiederzuentdecken, um bei ihnen das Bewusstsein zu stärken, nach wie vor handlungsfähig zu sein.

Welche Bedürfnisse Betroffene in der psychoonkologischen Begleitung haben, hänge neben der Persönlichkeit und ihren Lebensumständen vor allem von der Erkrankungssituation und -prognose ab, fasst Harrsen zusammen.