Eine Chemotherapie ist oft die effizienteste Behandlungsmethode einer Krebserkrankung. Doch die dabei eingesetzten Medikamente können Nebenwirkungen verursachen. Sehr häufig und gefährlich ist die Schwächung der körpereigenen Abwehrkräfte, was das Infektionsrisiko erhöht.

Abwehrkräfte

Die wichtigsten körpereigenen Abwehrkräfte sind die weissen Blutkörperchen. Eine Untergruppe davon sind die neutrophilen Granulozyten. Sie helfen bei der Abwehr von Bakterien, Pilzen und Viren und sind ständig im Blut, in den Schleimhäuten und im Gewebe der Organe unterwegs.

Doch jede dieser Zellen kann nur einmal zum Einsatz kommen und muss danach durch eine neue ersetzt werden. Diese Zellregeneration geschieht im Knochenmark und wird von Wachstumsfaktoren reguliert. Der Wachstumsfaktor, der die Bildung der neutrophilen Granulozyten anregt, heisst G-CSF.

Gefahren

Chemotherapeutika zerstören Tumorzellen und verhindern eine Tumorstreuung. Aber sie können auch das Wachstum gesunder Zellen hemmen – beispielsweise jene in Schleimhäuten und Knochenmark – und verlangsamen somit auch die Produktion der neutrophilen Granulozyten. Ein gefährlicher Mangel kann entstehen – eine Neutropenie – und die körpereigene Abwehr wird geschwächt. Während einer Chemotherapie kann die Zahl der neutrophilen Granulozyten auf bis zu unter zehn Prozent sinken. «Ob dies geschieht, ist je nach Art der Therapie unterschiedlich wahrscheinlich», sagt Dr. med. Urs S. Huber vom OnkoZentrum Zürich.

«Bei der Behandlung von Lymphomen und Leukämien kommt das ungefähr in jedem zweiten Fall vor, bei Weichteiltumoren wie Dickdarm-, Lungen- oder Brustkrebs in jedem vierten bis fünften Fall.» Lungenentzündungen, Blutvergiftungen (auch Sepsis genannt), schwere Magen-Darm-Infektionen, infektiöse Hautentzündungen oder Infektionen der Nieren und Harnwege können folgen.

Dies führt zu schweren Komplikationen, einer Verschiebung des Therapiezyklus oder zur Reduktion der Medikamentendosis – was die Erfolgschancen der Chemotherapie schmälert.

Reaktion

Während einer Chemotherapie können besondere Vorsichtsmassnahmen das Infektionsrisiko tief halten. Regelmässige Blutkontrollen bestimmen die Zahl aller Blutzellen und somit auch der neutrophilen Granulozyten und ermöglichen eine rechtzeitige Reaktion.

Der Wachstumsfaktor G-CSF kann biotechnologisch hergestellt werden und dieses Medikament kann einer Neutropenie vorbeugen oder ihre Dauer und Auswirkungen reduzieren. «Bei rund 95 Prozent der Patienten wirkt das Medikament sehr rasch und gut», sagt Huber. «Es kann als tief dosiertes Präparat täglich verabreicht werden oder in einer eleganten Form durch sogenannte Pegylierung mit Langzeitwirkung, die ihre Wirksamkeit über lange Zeit entfaltet und sie beendet, sobald die Zahl der weissen Blutzellen genügend ansteigt.»

Aber nicht nur die Zahl der weis­sen Blutkörperchen wird so erhöht, sondern auch deren Aktivität verbessert. Durch die Verabreichung von G-CSF kann eine Chemotherapie dann oft ohne Verzögerungen mit der erforderlichen Dosis und deshalb erfolgversprechender durchgeführt werden.