Mediaplanet: Weshalb wird metastasierender Brustkrebs in der Öffentlichkeit so selten thematisiert?

Donatella Corbat: Die Erfolgsmeldungen bei Brustkrebs im Frühstadium sind in der Bevölkerung sehr präsent. Die Menschen hören immer gerne, wenn eine prominente Patientin den Krebs «besiegt» hat. Über die Rückfallquote, die leider bei bis zu 30 Prozent liegt, spricht indes kaum jemand.

Das Wort Metastasen wird oft mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf und mit dem baldigen Tod verbunden. Doch eine realistische Berichterstattung könnte dabei helfen, das Thema metastasierter Brustkrebs zu enttabuisieren. 

Wie reagieren Patientinnen auf die Diagnose?

Monica Castiglione: Ich habe festgestellt, dass Patientinnen, bei denen der Tumor an einer bereits behandelten Stelle erneut auftaucht, stärker damit hadern als bei der ersten Diagnose. Sie haben das Gefühl, dass ihr Körper ein zweites Mal versagt hat.

Nach dem initialen Schock sind diese Patientinnen aber meistens sehr bald wieder bereit für den Kampf und für die damit verbundenen Behandlungen. Und zwar selbst dann, wenn klar kommuniziert wird, dass im metastatischen Stadium keine Heilung mehr möglich ist.

Wofür kämpfen diese Patientinnen?

Monica Castiglione: Die Ziele der Therapie werden kleiner. Sie wollen nochmals in die Ferien, zur Hochzeit der Tochter, unter weniger Schmerzen leiden. Die Patientinnen können meistens relativ gut mit der Erkrankung leben.

Und das, obwohl die Aussichten noch immer sehr düster aussehen. Je nach Metastasenlokalisation haben die Frauen eine Lebenserwartung von rund zwei bis drei Jahren. Nur knapp ein Drittel lebt länger als fünf Jahre.

Welches sind die grössten Herausforderungen für die Patientinnen?

Donatella Corbat: Nach dem Schock über die Diagnose muss die Patientin mit der Situation zurechtkommen. Es ist sehr wichtig, dass alle Fragen von ihrem Onkologen und dem speziell ausgebildeten Pflegepersonal beantwortet werden und sie ihre Krankheit und deren Verlauf versteht.

Und dann kommt die Frage, mit wem man die Diagnose teilt.

Donatella Corbat: Richtig. Doch nur die Patientin allein kann entscheiden, wie sie nahestehende Personen und das berufliche Umfeld einbeziehen möchte. Die Angst vor Ausgrenzung in der Gesellschaft kann sehr belastend sein.

Die Betroffenen beschäftigen zahlreiche Fragen. Wie wird der Arbeitgeber auf die therapiebedingten Ausfälle reagieren? Wie gehen Familie und Freunde mit der Diagnose um? Die Krebsbehandlung und die damit verbundenen Nebenwirkungen sowie die emotionale Belastung durch die Krankheit können schwerwiegende Auswirkungen auf die Lebensqualität haben.

Werden Betroffene hierzulande in diesem Prozess ausreichend unterstützt?

Monica Castiglione: Wir haben in der Schweiz zum Glück ein hervorragendes Gesundheitssystem. Den Patientinnen stehen sehr gute Behandlung und Betreuung zur Verfügung, und das, obwohl es je nach Region noch Unterschiede gibt.

Die berufliche und finanzielle Situation von Brustkrebspatientinnen ist aber auch hierzulande schwierig. Die Auswirkungen von Krebs und Behandlung auf die Gesundheit und auf das Funktionieren im Alltag sind beträchtlich, und es gibt dafür nur wenig Unterstützung.

Was fehlt konkret?

Monica Castiglione: Im Gegensatz zum Ausland fehlen nach den Therapien Angebote für eine Reha mit Kinderbetreuung. Ebenso gibt es keine speziellen Gesprächsgruppen für Partner von Frauen mit metastasiertem Brustkrebs.

Wo erhalten Patientinnen fundierte Informationen?

Donatella Corbat: Auf der Website www.europadonna.ch ist der metastasierte Brustkrebs seit ein paar Jahren ein Hauptthema. Entsprechend finden Frauen mit fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs hier hilfreiche Infos, einen persönlichen Begleiter «Es geht um mich!» und die App «Der Zauberbaum», welche Betroffenen bei der Kommunikation mit Kindern helfen soll.