Vier von zehn Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an Krebs. Obschon bösartige Tumorerkrankungen so häufig sind, wird viel zu wenig darüber gesprochen und der Umgang damit fällt schwer. Die Diagnose Krebs bedeutet für die meisten Betroffenen eine Ausnahmesituation. Nach dem ersten Schock stellen sich häufig Gefühle wie Angst, Wut oder Verzweiflung ein, viele fühlen sich völlig hilflos und ausgeliefert, andere innerlich erstarrt und wie betäubt.

Keine Zeit für die psychische Verarbeitung

«Für eine psychische Verarbeitung der neuen Situation bleibt jedoch häufig keine Zeit, da die nötigen Behandlungen oftmals rasch durchgeführt werden müssen,» sagt Christine Szinnai, Fachärztin für Innere Medizin an der Klinik Schützen in Rheinfelden. Die Patienten fühlen sich dann oftmals mit ihren Ängsten alleingelassen und erleben die Zeit der medizinischen Therapien «wie neben sich stehend».

Sie versuchen durchzuhalten und gelangen dabei oftmals an ihre Belastungsgrenzen oder darüber hinaus – lange ohne die daraus resultierenden Folgen zu spüren. So verwundert es nicht, dass viele Krebspatienten früher oder später an ihre psychischen Grenzen kommen. «Aus diesen psychischen Belastungen können depressive Reaktionen entstehen, massive Ängste vor einem Rückfall, vor dem Sterben oder ein Erschöpfungssyndrom, die sogenannte «Cancer Related Fatigue», unter der bis zu einem Drittel der Krebspatienten leidet», so Szinnai.

Psychologisches Angebot nutzen

Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollte das Angebot der Psychoonkologie frühzeitig in Anspruch genommen werden. «Leider ist die Hemmschwelle, ein psychologisches Angebot zu nutzen, noch immer sehr hoch und die Betroffenen kommen oftmals sehr spät, manche erst nach Jahren, zu uns.» Psychoonkologie ist die Fachdisziplin innerhalb der Onkologie, bei der die Psyche sowie das soziale Erleben der Krebserkrankung im Mittelpunkt stehen.

Dabei geht es darum, Betroffene und auch deren Angehörige bei der psychischen Bewältigung ihrer Krebserkrankung zu begleiten und zu unterstützen. Psychoonkologie bietet eine breite Palette an Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten. Als zentrale Elemente sind hier sicherlich die Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Körpertherapie sowie Spezialtherapien zu erwähnen. «In manchen Fällen reichen bereits zwei Gespräche und dem Patienten geht es deutlich besser. Manchmal braucht es aber auch eine stationäre Therapie, um den Betroffenen zu helfen.

Das ist sehr unterschiedlich», weiss die Fachärztin. In jedem Fall gilt: Je früher ein psychisches Leiden behandelt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. «Die Erfahrung zeigt, dass mit einer psychoonkologischen Therapie eine nachhaltige Verbesserung der psychischen und körperlichen Situation erreicht wird», so Szinnai abschliessend.