Prof. Cerny, Methadon ist bekannt als Drogensubstitution, um Abhängigen den Weg aus der Sucht zu erleichtern. Weshalb ist die Substanz plötzlich als Krebsmittel in aller Munde?

Methadon ist ein Opioid mit stark schmerzstillender Wirksamkeit. Den plötzlichen Hype um Methadon haben wir der Chemikerin Claudia Friesen zu «verdanken».

Sie testete Methadon in Zellkulturen und Tierversuchen und brachte es als möglichen Wirkverstärker für Chemotherapien ins Gespräch.

Was halten Sie davon?

Ob Methadon in der Krebstherapie tatsächlich einen Nutzen hat, können wir momentan noch nicht sagen.

Es gibt keine sauberen klinischen Daten dazu und die präklinischen Auswertungen sind alles andere als vielversprechend.

Frau Friesens Versuche entsprechen einer sehr frühen Phase der Forschung, die keine Aussagekraft zur Wirksamkeit beim Menschen hat.

Methadon wird schon seit über 20 Jahren als Schmerzmittel bei Krebspatienten eingesetzt.

Würde es tatsächlich einen positiven Effekt auf die Hemmung des Krebswachstums haben, wäre das in früheren Studien wahrscheinlich schon gezeigt worden.

Ich finde es daher schwierig, Krebspatienten falsche Hoffnungen zu machen und Methadon als Wundermittel anzupreisen.

Dennoch berichten zahlreiche Krebspatienten, dass sie dank Methadon eine Besserung ihrer Krebserkrankung erfahren haben.

Es lässt sich meist nicht beurteilen, ob bei diesen Patienten ein möglicher Therapieerfolg aufgrund der Einnahme von Methadon eingetreten ist. Insbesondere, da die dokumentierten Einzelfälle alle eine Chemotherapie erhalten haben.

Was wir brauchen, sind klinische Studien mit einer genügend grossen Anzahl an Patienten. Erst dann wissen wir mehr und können das Thema entweder ad acta legen oder weiter forschen und in die Therapie miteinbeziehen.

Bei der Deutschen Krebshilfe wurde jetzt eine Studie beantragt, welche die Wirksamkeit von Methadon bei Patienten mit einem Glioblastom (Hirntumor) erforschen soll. Was erwarten Sie davon?

Glioblastome gehören zu den Krebserkrankungen mit besonders schlechter Prognose und mit ungenügenden Behandlungsmöglichkeiten. Hier gibt es ein Fenster für die Behandlung mit Methadon.

In letzter Zeit hat es immer wieder Fälle gegeben, in denen Patienten Methadon auf eigene Faust und in viel zu hoher Dosis beschafft haben.

Das lässt sich leider nicht verhindern. Jedes Jahr gibt es irgendeinen anderen Hype in der alternativen Krebsbehandlung.

Für die Patienten ist die Situation schwierig: Sie sind verzweifelt, klammern sich an jeden Strohhalm und es gibt immer einen Therapeuten, der bereit ist, auch unerforschte Substanzen zu verschreiben.

Wie gehen Sie mit Methadonanfragen Ihrer Patienten um?

Ich weise klar darauf hin, dass aktuell keine genügende Grundlage vorhanden ist, um Methadon bei meinen Patienten einzusetzen.

Methadon ist nicht ungefährlich, die Halbwertszeit liegt bei vier Tagen und die Substanz wird über die Leber abgebaut.

Zudem ist es schwierig, das Medikament individuell einzustellen. Gleichzeitig kann Methadon erhebliche Nebenwirkungen haben und die Lebensqualität der Patienten deutlich einschränken. Ich habe zusammen mit der Krebsliga Schweiz eine Empfehlung zu Methadon herausgegeben.