Welche Bedeutung hat die personalisierte Medizin in der Onkologie?

Zum einen haben sich dank dem besseren Verständnis der molekularen Grundlagen von Tumoren die Therapieoptionen bei vielen Tumoren erweitert und dadurch die Prognose der Patienten verbessert.

Zum anderen ermöglicht die personalisierte Medizin, dass Patienten, bei denen nicht von einem Nutzen einer bestimmten Therapie ausgegangen werden kann, vor Nebenwirkungen einer solchen Therapie bewahrt werden können. Wir können also unsere Therapieentscheide individueller treffen, um so unsere Patienten besser und weniger belastend zu behandeln.

Welche Fortschritte wurden in der letzten Zeit auf diesem Gebiet erzielt?

In den letzten Jahren hat sich durch ein besseres Verständnis molekularer Grundlagen und nicht zuletzt dank besserer und einfacherer diagnostischer Verfahren die Therapie vieler Tumore stark verändert. Zudem konnten neue, erfolgversprechende Medikamente eingeführt werden.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Als eines der wichtigsten Beispiele möchte ich die Behandlung des nichtkleinzelligen Lungenkrebses anführen. Hier haben wir vor einigen Jahren noch für alle Patienten die gleiche Kombinationschemotherapie als erste Behandlung eingesetzt.

Heute können wir basierend auf morphologischen und molekularen Kriterien verschiedene Untergruppen definieren, die komplett unterschiedlich behandelt werden.

Wir sind heute zudem so weit, dass wir bei einem Versagen einer personalisierten Therapie nochmals Tumormaterial (über eine nochmalige Tumorbiopsie oder einen Bluttest) gewinnen, um den Resistenzmechanismus zu erforschen und eine nächste Therapie wiederum individualisiert festlegen zu können.

Kann die personalisierte Krebsmedizin bei allen Tumorarten zum Einsatz kommen?

Theoretisch ja, da sich bei allen Tumorarten unterschiedliche Veränderungen auf der Zellebene, respektive im Erbgut der Tumorzellen nachweisen lassen.

Eine praktische Bedeutung hat die personalisierte Medizin jedoch noch nicht bei allen Tumoren, da wir für viele molekulare Veränderungen, die sich in Tumoren nachweisen lassen, heute noch keine zielgerichtete Therapie zur Verfügung haben.

Zudem sind viele der gefundenen molekularen Veränderungen nicht primär und alleine für die Tumorentstehung verantwortlich. Eine molekulare Abklärung sollte
im klinischen Alltag nur bei denjenigen Tumoren gemacht werden, bei denen sich daraus auch eine Therapieentscheidung im Sinne einer Individualisierung der Behandlung ableiten lässt.