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Walter Raaflaub, geboren 1941, studierte auf dem zweiten Bildungsweg Medizin. Zuvor war er Lehrer sowie Volontär der Leprahilfe Emmaus Schweiz in der Türkei. Von 1990 bis 2006 führte er in Schönried eine Praxis für Allgemeinmedizin FMH. Vor vier Jahren hat er einen Erfahrungsbericht über seine Prostatakrebs-Erkrankung mit dem Titel «Tote Hose» veröffentlicht. Inzwischen liegt das Buch in der dritten Auflage vor und wurde in diesem Frühjahr auch ins Französische übersetzt.

Der Mediziner Walter Raaflaub erkrankte selbst an Prostatakrebs und erlitt dieses Schicksal. In seinem Erfahrungsbericht in Buchform plädiert er für mehr Offenheit. Im Interview verrät er wie er mit diesen Tabuthemen umgeht.

Hat man als Prostatakrebs-­Patient überhaupt Energie dafür, sich mit Impotenz zu beschäftigen?
Natürlich ist zunächst Krebs das Hauptthema und man will so schnell wie möglich gesund werden. Ich war nach der OP so schwach, ich konnte kaum zehn Schritte gehen. Doch nach drei bis vier Monaten versucht man, wieder ein normales Leben zu führen. Und man wird sich der Impotenz gewahr.
 
Kam für Sie Verzicht auf Geschlechtsverkehr nicht in Frage?

Zu Verzicht haben mir einige geraten. Aber meine Frau ist neun Jahre jünger als ich, wir hatten bis zu meiner Operation ein erfülltes Sexualleben und uns war das wichtig. Wir haben durch Hilfsmittel jetzt ein «normales Geschlechtsleben» wiedergefunden. Vielleicht kann die Gemeinsamkeit auch über Zärtlichkeit hergestellt werden, doch diese war mir am Anfang abhanden gekommen. Ich wollte mich meiner Ehefrau kaum nähern, weil ich wusste, es kann nicht zu mehr kommen. Diese Reaktion ist mir heute selbst nicht mehr verständlich, doch die Impotenz hat unweigerlich eine Auswirkung auf die Psyche.

In welchem Falle kommt es denn zu Impotenz?
Prostatakrebs verläuft nicht immer aggressiv. Man greift nur ein, wenn aufgrund des gemessenen Ferments PSA ein Wachstum des Karzinoms festgestellt wurde. Bei der kleinen Operation, bei der die Prostata wie eine Orange ausgehöhlt wird, gibt es keine Erektionsstörungen, obwohl die Ejakulation rückwärts in die Blase statt nach aussen geht. Und bei der radikalen Prostatatektomie kommt es darauf an, ob der Operateur beide Seiten der Prostata entfernen muss. In diesem Falle resultiert in 60 bis 100 Prozent eine totale Impotenz. Ein Operateur informiert normalerweise darüber – doch die Realität ist düsterer, als die Urologen das den Patienten normalerweise sagen.
 
Was meinen Sie damit?
Ein Urologe zu sein und über Potenzprobleme zu sprechen, das sind zwei verschiedene Dinge. Das habe ich auch aus den Briefen der Leser meines Buches herausgelesen. Einer schreibt: «Mein Urologe sieht nur meine Prostata, aber meine grosse Angst sieht er nicht.» Man sollte sich als Patient trauen, das direkt anzusprechen und auch den Arzt zu wechseln, wenn man sich nicht aufgehoben fühlt. Mein Kredo ist, dass das Verhältnis zum Arzt besser werden muss. Daran hapert es und das habe ich immer wieder in 16 Jahren Hausarzt-Dasein erfahren. Die Urologen schieben die genaue Orientierung über die Folgen leider gelegentlich an den Hausarzt zurück.
 
Sie sind das Thema im ersten Jahr nach der Operation 2003 angegangen – wie früh sollte man sich damit beschäftigen und Hilfsmittel einsetzen?
Je früher, desto besser. Nach einer radikalen Operation haben alle Patienten Erektionsstörungen. An den meisten urologischen Kliniken wird ihnen noch während der Hospitalisation ein Potenzmittel gegeben, damit sich die winzigen Gefässe öffnen. Das begrüsse ich sehr.
 
Welche Mittel gibt es denn für diese Patienten im Falle von Impotenz?
Zum einen die bekannten Tabletten. Und dann die Injektion in die Schwellkörper des Penis. Die dritte Möglichkeit ist die bereits seit vielen Jahrzehnten bekannte Vakuumpumpe. Ganz Mutige können auch eine Penisprothese wählen, bei der zwei flüssigkeitsgefüllte Zylinder anstelle der herausoperierten Schwellkörper in den Penis montiert werden.
 
Wie ist das mit der Libido – bleibt sie erhalten?
Die Lust vergeht leider ein bisschen. Nicht aufgrund der Hilfsmittel, doch es wird vermutet, es liege daran, dass bei einer radikalen Operation auch die Samenblasen entfernt werden. Letztlich ist jedoch die einzelne Empfindung noch genau gleich. Nur müssen meine Frau oder ich uns einen Schub geben. Das Ganze wird dadurch eher eine geplante Sache.
 
Sie litten auch unter Inkontinenz. Impotenz oder Inkontinenz, was ist für Sie das grössere Übel?
Inkontinenz, denn es ist so beschämend, störend und erniedrigend, wenn der Urin immer läuft und man Windeln tragen muss. Seit ich mir einen künstlichen Blasenschliessmuskel implantieren liess, bin ich wie ein neuer Mensch. Ich habe lange gewartet, weil sich der Eingriff so komplex anhört. Eine Manchette wird um die Harnröhre, ein Ventil in den Hodensack und ein Ballon als Reservoir in den Unterbauch gelegt, das alles mit Schläuchlein verbunden. Doch ich bin zu hundert Prozent zufrieden damit und habe inzwischen schon fünf Betroffenen konkret dazu geraten. Ich bin heute ein glücklicher Mensch mit all diesen Eingriffen und Hilfsmitteln.