Glücklicherweise stand ein Termin bei meiner Gynäkologin an (sonst hätte ich die Verhärtung möglicherweise nicht sehr ernst genommen). Meine Frauenärztin reagierte sofort und schickte mich zu weiteren Untersuchungen.

So landete ich plötzlich in den Mühlen der Medizin und die drehte sich schnell: Vom ersten Verdacht bis zur endgültigen Diagnose vergingen drei Wochen – Konsultation der Frauenärztin, Ultraschalluntersuchung, Punktion und dann das Ergebnis – bösartiger Tumor, hormonnegativ, als G3 eingestuft, also ziemlich aggressiv, wie man mir erklärte.

Eine Extremerfahrung

Aber weil ich mich in sehr guten medizinischen Händen fühlte, konnte ich mich mit dem Gefühl, dass die Mediziner für mich den weiteren Weg entscheiden werden, zurücklehnen. Ich entschloss, das Ganze als Abenteuer anzusehen, als Extrem-Erfahrung, ähnlich der Besteigung eines 8000ers oder das Erkunden einer Höhle. Ja, so blöd es auch klingen mag, ich war gespannt auf das, was mich erwarten würde.

Das grosse Unbekannte. Neuland. So funktioniere ich. So hat es für mich gestimmt. Ich habe diese Zeit dann auch sehr abenteuerlich erlebt. Ich wusste nicht, was als nächstes auf mich zukommen wird. Jeder Schritt war ein Schritt ins Unbekannte. Spannend erstmal, aber natürlich auch hart – gelegentlich.

Schock war abgeschwächt

Das Gefühlt von Schock oder Ohnmacht habe ich nach der Diagnose nicht erlebt. Sicherlich auch aus dem Grund, dass ich mich Schritt für Schritt mit einer möglichen Brustkrebsdiagnose auseinandersetzen konnte und in den Befund hinein gewachsen bin. Ich hatte auch wenig Ängste und war von Anfang an zuversichtlich, dass alles gut kommen wird. Dazu beigetragen haben sicherlich auch die guten Prognosen der Ärzte.

Ich habe mich auf ihre Aussagen verlassen und keine Recherchen im Internet gemacht – einzig den einen oder anderen Erfahrungsbericht habe ich gelesen, um zu wissen, wie andere Frauen mit Brustkrebs umgehen. Natürlich gab es auch schwierige Momente. Etwa am Tag vor der Operation, als die Ärzte und Chirurgen mir erklärten, wie die Operation ablaufen wird und dass meine Brust nach dem Eingriff vielleicht nicht mehr so aussieht wie vorher.

Da habe ich von meiner noch heilen Brust ein Foto gemacht – als Erinnerung – und merkte plötzlich, was auf mich zukommen wird. Das ist mir ziemlich eingefahren. Ich hatte jedoch Glück und der Tumor konnte brusterhaltend operiert werden. Was blieb, ist eine zehn zentimeter lange Narbe - meine Lebensnarbe.

Chemotherapie in grausiger Erinnerung

Richtig mühsam wurde es nach der Operation. Ich musste mich einer Chemotherapie unterziehen: sechs Zyklen, alle drei Wochen. Das war eine harte Zeit. Nur schon die Erinnerung an den Geschmack ist abscheulich und das ganze Szenario der Chemotherapie ist mir in grausiger Erinnerung. Mit zunehmender Chemo wurde es schlimmer. Ich fühlte mich todmüde, ausgelaugt, die Haare fielen aus, die Mundschleimhaut war entzündet. Ich fühlte mich so ausgetrocknet und vergiftet.

Am liebsten hätte ich damals meinen Onkologen umgebracht, für das, was er mir alle drei Wochen antat. Zum Glück waren wir uns aber sehr sympathisch und sprachen während der Behandlung nicht übers Kranksein, sondern über Restaurants, Bücher, Kunst und Kultur. Die zwischenmenschliche Komponente ist in dieser Situation sehr wichtig, finde ich, und ich würde jeder Frau raten, den Onkologen zu wechseln, wenn sie sich in seinen Händen nicht wohlfühlt. Nach der Chemotherapie ging es mir jeweils eine Woche richtig schlecht und ich lag komplett flach.

In der zweiten und dritten Woche, in der es mir wieder besser ging, habe ich mir schöne Ausgleiche geschaffen. Ich bin mit Freundinnen oder meinem Mann weggefahren, habe lustige Weiberabende verbracht und habe mir Gutes getan. Es gab auch in dieser Zeit viel zu lachen und lustige Momente. Nach sechs Monaten Chemotherapie folgte die Bestrahlung.

Diese habe ich nach der Chemo-Erfahrung als geradezu easy erlebt. Da mein Tumor hormonnegativ war, musste ich keine Hormontherapie machen. Anfänglich folgten engmaschige Kontrollen, inzwischen genügt aber der jährliche Besuch bei der Frauenärztin. Nach sieben Jahren gelte ich als geheilt. Dennoch macht sich vor jeder Kontrolle ein etwas mulmiges Gefühl bemerkbar und es kommt der Gedanke hoch: «Was wäre, wenn wieder etwas gefunden wird?» Denn dann wäre die Behandlung kein Abenteuer mehr, sondern bekanntes Terrain, das ich kein zweites Mal erkunden möchte.

Krankheit als Chance? Nein!

Verändert hat sich in meinem Leben durch den Krebs wenig. Ich sehe die Krankheit auch definitiv nicht als Chance. Ein paar Dinge haben sich durch die Krankheit aber trotzdem verschoben. Ich kann mich zwar noch immer genauso aufregen und bin exakt gleich inkonsequent, aber was mir wichtig ist, wird nicht mehr aufgeschoben. Zudem versuche ich Menschen zu meiden, die mir nicht guttun, und kümmere mich weniger um die Meinung anderer Leute.