Wie fanden Sie heraus, dass sie Brustkrebs hatten, Frau Gerber?

Im Dezember 2008 wurde ich fünfzig. Zu diesem Termin meinte meine Frauenärztin, dass ich eine Mammografie machen sollte. Sie spürte zwar keinen Knoten in der Brust;  da ich aber so einen grossen Brustumfang hatte, dass sich etwas darin verstecken konnte, drängte sie mich dazu. Schlussendlich willigte ich ein, ging aber mit der vollsten Überzeugung zum Termin, dass ich kerngesund sei. Dann kam der Schock: Brustkrebs. Das hätte ich nie erwartet, ich war mir so sicher, dass ich nichts hatte. Meine ganze Welt geriet ins Wanken.

Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

Nach dem Befund wurde mir klar, dass ich neben der Schulmedizin auch die anthroposophische Medizin nutzen wollte. Deshalb fing ich sofort mit einer Misteltherapie an, welche die körpereigene Abwehr stärkt.

Es war schwierig, bei allen Untersuchungen durchzuhalten, vor allem die Biopsien waren sehr schmerzhaft und unangenehm. Dieser Krebs, der da in mir wuchs, war mir fremd und doch so nah. Ich musste mich von etwas trennen, das ich noch gar nicht kannte. Ich spürte, ich brauche Zeit. Da mein Krebs kein aggressiver war, konnte ich mir diese Zeit auch nehmen.
 
Wie verlief die Operation im August?

Bei der Kontrolle des Wächterknotens, der Verteiler unter den Lymphknoten, merkten sie im Operationssaal, dass dieser frei von Krebs war. Deshalb musste man keine Lymphknoten entfernen, sondern lediglich die Tumoren. Ich ging aber in den Operationssaal und wusste nicht, ob ich die Brust behalten konnte oder nicht. Deshalb brauchte ich vorher Zeit, um alle Optionen zu akzeptieren. Die brusterhaltende Operation, die ich schliesslich hatte, war die günstigste Prognose. Ich behielt also beide Brüste, sie wurden nur etwas kleiner.

In der Zeit nach der Operation mussten Sie auch in die Strahlentherapie – wie war dies für Sie?

Als erstes ging ich nach der Operation in die anthroposophische Lukas Klinik.  Das war das Beste, was ich machen konnte – ich fühlte mich dort wieder als Mensch, und wurde nicht nur auf den Tumor reduziert. Ich fühlte mich durch den Krebs der Schulmedizin ausgeliefert, in der Lukas Klinik hingegen konnte ich wieder ein Stück Selbstbestimmung und Lebensfreude zurückgewinnen.

Ich entschied mich dann für die Strahlentherapie, und nicht für die Chemotherapie, die von meiner Ärztin zusätzlich empfohlen wurde. Ich wurde während sechseinhalb Wochen 33 Mal bestrahlt. Es war ein Durchhalten. Jeden Tag unter diese grosse Maschine liegen mit dem Wissen, obwohl ich nichts sehe, rieche oder fühle, fliessen gefährliche Strahlen in meinen Körper.

Hatten Sie starke Nebenwirkungen?

Nein, ich habe es gut vertragen. Ich hatte keine grossen Verbrennungen, aber es war für mich sehr belastend. Meine rechte bestrahlte Brust ist heute zum Teil immer noch taub, ich kann auch nicht auf den Bauch liegen.

Nach einem Brustkrebs kann es teilweise schwierig sein, sich wieder weiblich zu fühlen. Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte nach der Operation grosse Angst, in den Spiegel zu schauen. Es war dann aber nicht schlimm – es war nur alles kleiner, und noch blau-rot-gelb verfärbt. Ich musste meine Brüste immer wieder berühren, ich musste meinen neuen Körper kennenlernen und es brauchte Zeit, diesen neuen Körper anzunehmen.

Ist das Leben für Sie anders seit der Diagnose? Oder ist es mittlerweile wie vorher?

Es gibt für mich klar ein Leben vor und ein Leben nach der Diagnose. Dies ist aber nicht wertend! Es ist kein Leben wie zuvor, aber trotzdem lebenswert! Der Krebs wird immer ein Thema sein – ich muss Lymphdrainagen machen, fange bald eine zweite Hormontherapie an, und es tut zum Teil immer wieder weh. Ich habe aber auch sehr viele tolle Menschen kennengelernt, teilweise auch durch Treffen, die von der Krebsliga Bern organisiert wurden.

Es war für mich aber nie ein Kämpfen gegen die Krankheit, sondern ein Mitgehen mit ihr. Ich hatte nie das Gefühl, ich müsse siegen,  sondern es war eher so, wie wenn ich mich in der Aare treiben lassen und mich dem Fluss hingeben würde. Die Operation war dann wie eine Schwelle, dennoch fliesst der Fluss immer weiter.