In Ihrem aktuellen Buch verarbeiten Sie Ihre Krebserkrankung in Form eines Comics. Sollte man den Tod mit Humor nehmen?

Da gibt es kein Soll und Muss, denn jeder Mensch ist in der Verantwortung, seinen Umgang mit Krankheit und Tod zu finden. Es ist eine Tatsache, dass durch die Krankheit das alte Leben schlichtweg durch den Schredder geht, und irgendwie muss man ja damit umgehen oder zumindest noch die Momente zu schätzen wissen, die das Leben lebenswert machen. 

Da ich zeitlebens einen bissigen Humor hatte, habe ich diesen natürlich nicht durch die Konfrontation mit dem eigenen Ableben abgelegt. Deshalb wurde das Buch zu einer Essenz, um den Weg zu schaffen, aus der Opferrolle herauszutreten.

Erhoffen Sie sich, mit der Veröffentlichung «etwas» zu hinterlassen? 

Die Krankheit zwang mich ungefragt in eine Opferrolle, in der ich nie sein wollte. Meine anfängliche Intention zielte also primär darauf ab, diesen «Opfer-Status» zu verlassen. Von Freunden bekam ich daraufhin viel Zuspruch, als ich diesen kreativen Weg fand, mein Erleben zu verarbeiten, und meine Schwester schlug mir schliesslich vor, ein Buch darüber zu schreiben.

« Ich möchte den Menschen Mut geben, sie selbst zu sein – auch in der Krankheit. Sterben ist nicht einfach, ebenso wenig wie die Konfrontation mit der Angst vor dem Tod »

Langfristig möchte ich hingegen das Hauptaugenmerk darauf legen, dass in unserer kulturell westlich geprägten Gesellschaft die Themen «Tod, Krankheit und Schmerz» keine zugänglichen Themen mehr sind.

Schauen Sie sich das Internet an. Die Profile in den sozialen Netzwerken machen uns ja fast unsterblich, weil sie über unseren Tod hinaus schier unendlich lang weiterbestehen können.

Wenn früher jemand starb, wurde er tagelang aufgebahrt, damit man sich von ihm verabschieden konnte. Das geschieht heute fast nicht mehr, weil unsere Sterbenskultur scheinbar verschwunden ist. In anderen Kulturkreisen verehrt man den Tod sogar. So zum Beispiel in Mexiko, wo der Totensonntag ein fröhlicher Festtag ist.

Wir sollten uns in dieser Gesellschaft wieder auf die wichtigen Themen besinnen – unsere eigene Endlichkeit, die Sinngebung unserer kurzen Lebenszeit und den achtsamen Umgang mit unseren Mitmenschen.

Haben Sie Angst vor dem Tod? 

Nicht jeden Tag. Aber hin und wieder bricht diese Welle der Angst mit so einer Wucht über mich herein, dass ich das Gefühl habe, verrückt zu werden. Die Angst als Substanz des Wissens, durch den Tod ins Unbekannte zu stürzen, das kognitive Bewusstsein zu verlieren, zeitgleich mit dem Verlust all derer, die einem nahestehen. Der Tod ist ein beidseitiger Abschied, doch nur der Sterbende ist allein.

Wenn Sie an Ihren eigenen Tod denken, tun Sie sich dann leid?

Ja, momentan schon. Ich trauere um die Zeit, die ich nie haben werde. Die Zeit, die eine kreative Schaffenszeit oder eine Zeit des Liebens sein könnte. Es ist eine Form des Mitleids mit mir selbst, aber auch mit jenen, die ich mit der Trauer um mich alleine lassen muss. 

Ich habe das Leben oft in dekadenter Selbstverständlichkeit gelebt, ohne Achtsamkeit darauf, dass alles auch wieder schnell vorbei sein kann.

Andererseits ist die nun verbleibende Zeit viel gehaltvoller. Durch die von Todesnähe geprägten Begegnungen mit Menschen erlangen die Gespräche und die Intimität eine ganz andere Ebene. Darin finde ich auch den Trost.

Steckt in HOFFNUNGslosigkeit tatsächlich noch Hoffnung?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wissen Sie, der Verlust über die Struktur innerhalb des Lebens ist schmerzhaft. Doch jenseits dessen ist, glaube ich, noch etwas, das nicht gesellschaftlich kommuniziert werden kann.

Eine Dimension, jenseits der Religionszuordnung, für deren Beschreibung es innerhalb der Sprache keine Worte mehr gibt. Die Erkenntnis darüber, dass Sprache ebenso endlich ist wie der Mensch. Doch ich glaube an eine Grundgüte in jedem Menschen. Wenn es mehr Toleranz gäbe, wäre das Leben wohl der Himmel auf Erden.

Gibt es etwas, das Sie aufmuntert?

Ja, Gespräche, in denen Nähe entsteht, oder ein Tag, an dem ich keine Schmerzen habe, vielleicht einmal etwas essen kann.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod oder hoffen Sie auf ein Jenseits?

Naja, es wird sicherlich anders, als wir es uns vorstellen. Es gibt sicherlich transzendente Phänomene, die unseren Bereich möglicher Erfahrung übersteigen. Unser Bewusstsein ist nach dem Tod vielleicht noch da, aber möglicherweise ist es kein individuelles Bewusstsein mehr.

Wenn Sie sich jetzt an einen Ort wünschen könnten, welcher wäre das?

Indien. Ausserdem bin ich früher viel durch Afghanistan gereist. Das war ein wunderschönes Land, in dem ich wunderbare Erfahrungen gemacht habe. Natürlich darf man die widersprüchlichen Umstände nicht vergessen, in denen sich beide Länder heute befinden.

Vielleicht wäre ich auch gerne bei meiner Tochter in Berlin oder würde meine Hände in den See eintauchen oder durch den Wald spazieren. Einfach die Schönheit der Natur geniessen.

Welche Hoffnungen möchten Sie anderen Menschen geben?

Es ist traurig, wenn das Leben unerfüllt bleibt, wenn es nicht ausgelebt ist. Deshalb ist es wichtig, mit dem Körper achtsam umzugehen. Nur dann ist es möglich, die Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen, die einem das Leben offenhält.

Ich möchte den Menschen Mut geben, sie selbst zu sein – auch in der Krankheit. Sterben ist nicht einfach, ebenso wenig wie die Konfrontation mit der Angst vor dem Tod. Doch nur wenn man in die Angst geht, also sich ihr stellt, kann man sie auch überwinden.