Eines eint sie jedoch alle: Jede einzelne Erkrankung stellt einen Wendepunkt im Leben des Betroffenen und seiner Angehörigen dar. Ein Schicksalsschlag, der alles verändert. Es ist deshalb wichtig, nie die Menschen hinter den Zahlen zu vergessen. Krebs hat Millionen Gesichter. Wir zeigen Ihnen in dieser Ausgabe einige davon.

Krebs – «der Sauhund»

Marco Fritsche

«Krebs isch en Sauhond» habe ich mir in jungen Jahren gedacht, wenn im Bekanntenkreis mal wieder die Rede davon war, wen es «erwischt» hat. Aber wie man es sich im Leben – vielleicht zum Glück – oft einredet, es betrifft ja immer «nur» die andern.
 

Als dann zum ersten Mal jemand in meinem direkten Umfeld mit einer Krebsdiagnose umgehen musste, hat sich meine Wahrnehmung empfindlich verändert. Krebs ist nicht nur ein Sauhund, sondern auch ein Demokrat.
 

Aus meiner (subjektiven) Sicht kann es wirklich jeden und jede, egal ob jung oder alt, arm oder reich und auch mit gesundem oder eher verwegenem Lebensstil, treffen. Darum ist die Solidarität bei diesem Thema umso wichtiger. Egal ob mit direkt Betroffenen oder deren Freunden und Familienmitgliedern.

Gut wäre auch, wenn Mann und Frau nicht einfach den Kopf in den Sand steckt und hofft, dass man nicht zum Patienten/zur Patientin wird, sondern aktiv versucht, da Vorsorge zu betreiben, wo es Sinn macht und wie es Sinn macht.

Das heisst (vor allem auch für Männer), dass sie sich mal in der eigenen Familie umhören, ob da bei Eltern und Grosseltern schon ein Fall zu verzeichnen war, und sie sich dementsprechend über Vorsorgeuntersuchungen bei einem Hausarzt informieren. Ich hoffe, dass es nicht sexistisch klingt, denn ich finde schon, dass Frauen beim Thema Krebs besser informiert und sensibilisiert und uns Männern dementsprechend um ein paar Schritte voraus sind.

Und falls Sie in der Schweiz mal wieder über Land fahren und sich fragen, warum um Himmels Willen die Heu- und Siloballen der Bauern nicht mehr nur weiss oder grün, sondern auch pink sind, dann riskieren Sie doch mal ein Auge auf www.pink-ribbon.ch.

 

«Was mich die Krankheit gelehrt hat, wieso ich auch Positives aus daraus ziehe ...»

Rosie Hörler

Die Diagnose Leukämie ist ein harter Schlag. Einer, den man nicht einfach so wegsteckt. Ich habe mich von diesem Schlag aber auch nicht umhauen lassen. Im Gegenteil. Man kann den Umstand, dass man krank ist, nicht ändern, aber die Art, wie man mit diesem Umstand umgeht.

Ich hätte mich selbst bemitleiden können, ich hätte mich fallen lassen können, ich hätte aufgeben können, es wäre wahrscheinlich einfacher gewesen. Aber ich wollte leben. Und kämpfen. So habe ich angefangen, die positiven Seiten, den Sinn der Krankheit zu suchen. Und ich bin fündig geworden.
 

Wie gesagt, die Diagnose Leukämie ist ein harter Schlag. Einer, der mich wachgerüttelt hat. Damit ich endlich sehe, was das Leben mir eigentlich bietet. Und dass ich dieses bis anhin viel zu wenig geschätzt habe.
 

Ich habe ein wahnsinnig tolles Leben. Einen Job, den ich liebe, und Menschen an meiner Seite, die mich lieben, wie ich bin. Ich habe die Freiheiten und Möglichkeiten, mein Leben so zu gestalten, wie ich will. Das ist alles nicht selbstverständlich. Ebenfalls habe ich wieder gelernt zu geniessen. Gutes Essen, gemütliche Stunden mit Freunden und Familie, schöne Momente in der Natur, Zeit für mich, kleine Dinge im Alltag, die so viel Grosses bewirken können.

Und ich habe gelernt, meinen Körper zu lieben. Er hat so vieles geleistet in den letzten Monaten und jetzt ist er wieder gesund. Dazu werde ich in Zukunft mehr Sorge tragen. Weil auch Gesundheit ist nicht selbstverständlich. Das Leben ist nicht selbstverständlich.

 

Talina sollte zu Hause sterben

Ich wünschte, ich hätte den Tod meiner Tochter gefilmt. Als wir merkten, dass Talina nicht mehr lange zu leben hat, haben wir die ganze Familie, Götti, Gotti und andere Angehörige eingeladen, diesen letzten Weg mit ihr gemeinsam zu gehen. Wir versammelten uns in der Stube. Knapp 24 Stunden dauerte es, bis sie das letzte Mal ausatmete. Einerseits erinnere ich mich noch an Details, wie sie etwa kurz vor ihrem Tod nochmals ihre Augen aufriss und jeden Einzelnen von uns anschaute. Vieles ist jedoch verschwommen.
 

Ich wünschte, ich könnte mir diesen Moment nochmals anschauen, denn er ist für mich nicht primär von Trauer erfüllt, sondern vom Gefühl der Erlösung. Nach siebenmonatigem Leidensweg wurde Talina endlich von ihren Schmerzen befreit.
 

Erfährt man, dass das eigene Kind an Krebs leidet, hofft man. Zuerst auf die Genesung, irgendwann auf ein Wunder. Doch irgendwann muss man akzeptieren, dass nicht einmal fünf Wunder helfen würden.

Obwohl die Ärzte noch verschiedene Therapien vorschlugen, gab es diesen Moment, in dem mein Mann und ich wussten, dass wir unser Kind verlieren würden. Einen Monat später haben das auch die Ärzte eingesehen und uns gefragt, wo unsere Tochter die letzten Momente ihres Lebens verbringen soll.

Wir wollten Talina nochmals einen Familienalltag mit ihren Geschwistern und Eltern ermöglichen. Also holten wir sie nach Hause. Sie verbrachte die ganze Zeit auf dem Sofa, von wo aus sie alles überschauen konnte.

An einem verschneiten Wintertag wollten wir sie noch einmal an die frische Luft bringen. Also packten wir sie dick ein und gingen mit Kinderwagen, Infusion und Sauerstoffmaske raus. Es war der Tag der Chabishornabfahrt – ein Riesenevent in unserem kleinen Dorf. Sie genoss den Wirbel, die vielen Leute und ass genüsslich eine halbe Bratwurst. Es war ein schöner Tag.

Als ich vor die Wahl gestellt wurde, wo meine knapp vierjährige Tochter sterben soll, war klar, dass wir sie nach Hause nehmen. Ich möchte allen betroffenen Eltern Mut machen, das Kind zu Hause palliativ zu begleiten: Man weiss vielleicht nicht wie, aber irgendwie bringt man die Kraft auf. Es ist möglich.

 

Ich will mehr vom Leben, als in Frieden zu sterben

Martin Inderbitzin

Mein Leben hätte nicht besser sein können: Ich war 32 Jahre alt, hatte soeben meinen PHD abgeschlossen und die Zusage für einen Traumjob. Kurz darauf wurde dieser Traum mit drei Worten zerstört: Sie haben Krebs.
 

Ich kann kaum beschreiben, wie ich mich in diesem Augenblick gefühlt habe. Ich war in einem Schockzustand, verzweifelt und weinte fest. Irgendwann entschloss ich mich, «Bauchspeicheldrüsenkrebs» zu googeln. Schnell fand ich heraus, dass meine Lebenserwartung etwa drei Jahre betragen würde.
 

Nach meiner ersten Operation im Jahr 2012 folgte eine mehrmonatige Bestrahlungs- und Chemotherapie. Es war während einer der vielen Chemos, als ein anderer Krebspatient mich fragte: «Wissen Sie, was ich mir wünsche? In Frieden zu sterben!» Ich war erschüttert und betroffen. Doch auch perplex – was wollte ich denn? In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mehr vom Leben wollte, als in Frieden zu sterben!

Noch während dieser Chemo meldete ich mich für einen Triathlon an. Natürlich war das total absurd. Trotzdem gab mir diese Entscheidung ein Gefühl der Hoffnung, denn ich hatte nun ein Ziel. Zu Hause las ich mich in die Materie ein und schaute Youtube-Videos von anderen Triathleten, sodass ich auch wusste, was mich erwarten würde. Die ersten «Trainings» waren simple Spaziergänge, doch schon bald machte ich gute Fortschritte. Und gerade mal drei Monate nach abgeschlossener Therapie überquerte ich die Zielgerade des Zürich-Triathlons.

18 Monate danach kam ein Rückfall. Ich fühlte mich betrogen, von meinem Körper und vom Leben. Es war eine schlimme Zeit. Mit einer grossen Operation konnten wir alle Metastasen entfernen. Doch 2015 wurden erneut Lebermetastasen entdeckt.

Diesmal entschieden wir uns für Chemo und Operation. Während ich zuvor wenig Risiken einging, realisierte ich nun, dass nichts zu riskieren, letztendlich das grösste Risiko ist. Ich wollte für meine Träume kämpfen.

So gründeten wir den Verein My Survival Story mit dem Ziel inspirierende Krebs-Geschichten zu filmen und damit anderen Patienten zu helfen und Mut zu machen. Wir sammelten Geld, kündigten unsere Jobs und reisten einmal um die Welt auf der Suche nach den besten Geschichten.  

Auch Triathlon ist heute Teil meines Lebens und ich absolvierte seither mehrere olympische Wettkämpfe und einen Halb-Ironman. Zudem erfüllten wir uns vor zwei Jahren einen Traum und segelten mit einer kleinen Crew über den Atlantik.

Der Krebs hat mich gelehrt, dass ich mich getraue, meine Träume trotz oder vielleicht eben gerade wegen meiner Erkrankung zu leben. Und dafür bin ich sehr dankbar.

INFO

Mehr Informationen unter
www.mysurvivalstory.org