Begegnet man Walter Zbinden, fallen zuerst seine blauen Augen auf – sie strahlen einen unbändigen Willen aus. Einen Willen, der ihn in seinem Leben immer wieder weitergebracht hat. «Ich hätte schon einige Male in Selbstmitleid und Hoffnungslosigkeit versinken können. Doch das ist nicht meins. Ich bin ein Kämpfer», sagt er.

Die Stimme von Walter Zbinden hat einen eigenartigen Klang. Ein kleines Ventil, eine Art Knopf, ist mit einem Pflaster an sei­nem Hals festgemacht. Beim Sprechen drückt er diesen mit dem Zeigefinger. Vor neun Jahren erkrankte er an Stimmbandkrebs. «Das Sprechen war in der Zeit davor immer schwieriger geworden. Meine Frau hatte mich ermuntert, zum Arzt zu gehen; ich beschloss damals, bis zur Pensionierung zu warten.»

Zu spät! Die Stimme war weg

Ein fataler Fehler – denn plötzlich war seine Stimme ganz weg. «Als ich im Spital die Bilder von meinem Rachen sah, wusste ich schon, dass meine Stimmbänder mit Krebs befallen waren.» Der Abstrich brachte kurze Zeit später die Gewissheit: Stimmbandkrebs. Eine Laser­be­handlung hielt die Krankheit während eines Jahres in Schach. Schliesslich aber musste sich Walter Zbinden einer Strah­lentherapie unterziehen.

In dieser Zeit arbeitete er nicht nur als Chauffeuraushilfe, er ging auch seiner grossen Lei­denschaft, dem Stabhochsprung, nach: „Statt in Selbstmitleid zu versinken und zu grübeln, habe ich mir die Turnschuhe geschnappt und bin trainieren gegangen. Denn in meinem Herzen bin ich Sportler – ehrgeizig und siegorientiert.“ Dass ihm bis zum Sieg ein so langer, harter Weg bevorstehen würde, war ihm nicht bewusst.

„Sie sind ein Sportler, Sie schaffen das“

Fünf Jahre vergingen, bis der Krebs ihn wieder einholte. «Natürlich fragt man sich manchmal nach dem Warum. Ich hatte mein Leben lang nie geraucht. Ich war früher Sprinter und habe gesund gelebt. Aber es bringt nichts. Man muss weiterkämpfen.» Walter Zbinden musste nun operiert werden: «Es war mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht klar, was alles auf mich zukommen würde: eine schmerzhafte Operation und ein Leben ohne Stimme.»

Während der Operation wurde entschieden, den ganzen Kehlkopf zu entfernen. Ein Arzt habe ihm gesagt: «Sie sind ein Sportler, Sie schaffen das.» Wäh­rend drei Monaten durfte er nun ausschliesslich schrei­ben und nicht sprechen. Danach begann die Zeit des Ler­nens. Eine Logopädin zeigte Walter Zbinden, wie er dank des Fil­ters über dem offenen Loch in seinem Hals sprechen kann. «Das Sprechen ist schon mühsam geworden. Aber etwas Gutes hat es: Ich höre heute viel besser hin. Das ist eine grosse Bereicherung.»

Gold im Stabhochsprung

Dank seinem Willen und seiner positiven Einstellung hat Walter Zbinden gesiegt. Nicht nur, dass er sich mit dem Loch in seinem Hals arrangiert hat, es gelingt ihm auch, trotz der schweren Operation seinen gelieb­ten Sport, den Stabhochsprung, weiter auszuüben. Und er ist besser als je zuvor: Im letzten September gewann er im türkischen Izmir an der Senioren­-Europa­meisterschaft die Goldmedaille im Stabhochsprung.