Weshalb ist die Früherkennung bei Brustkrebs so wichtig?

Jede 9. bis 10. Frau in der Schweiz erkrankt an Brustkrebs. Wird Brustkrebs frühzeitig entdeckt, ist die Behandlung einfacher und die Überlebenschancen sind für die betroffenen Frauen hoch. Deshalb wird den Früherkennungsuntersuchungen eine grosse Bedeutung beigemessen.

Diese beginnen bereits bei der Tastuntersuchung, welche jede Frau ab dem Teenageralter durchführen sollte. Da Brustkrebs bei unter 50-Jährigen relativ selten ist, muss hier im Einzelfall entschieden werden, inwieweit Früherkennungsuntersuchungen mit Mammografie schon sinnvoll sind.

Ab dem 50. Lebensjahr nimmt die Erkrankungswahrscheinlichkeit zu, so dass ab diesem Alter das Brustkrebsscreening mittels Mammografie beginnt. Hierzu wird jede Frau alle zwei Jahre automatisch eingeladen. Wie bei anderen Früherkennungsuntersuchungen auch, kann jede Frau frei entscheiden, ob sie am Brustkrebsscreening teilnehmen möchte oder nicht.

Wie läuft eine Mammografie konkret ab?

Bei der Mammografie handelt es sich um eine Röntgenuntersuchung der Brust mit vergleichsweise niedriger Röntgendosis. Sie wird einerseits beim Verdacht auf Brustkrebs zu Diagnosezwecken eingesetzt, andererseits hat sie als Früherkennungsmassnahme grosse Bedeutung. Lange bevor ein Knoten zu ertasten ist, kann die Mammografie Veränderungen sichtbar machen.

Konkret wird bei der Mammografie die Brust zwischen zwei Platten gepresst. Dank der Kompression der Brust ist die Strahlendosis geringer und man sieht die Veränderungen deutlicher. Von jeder Brust werden in der Regel zwei Bilder angefertigt, eines von oben und eines schräg seitlich. Die Untersuchung ist nicht schmerzhaft, sie wird in manchen Fällen jedoch als unangenehm empfunden.

Was sind die Vorteile der Mammografie?

Dank der Screening-Mammografie konnte die Brustkrebssterblichkeit um einen Fünftel gesenkt werden. Konkret bedeutet das: Gehen tausend Frauen während zehn Jahren fünfmal zum Screening, wird das Leben einer Frau gerettet.

Statt fünf sterben nur vier von tausend Frauen an Brustkrebs. Wendet man diese Zahlen auf die Schweiz an, kommt man auf etwa 200 Frauen, die jedes Jahr gerettet würden – vorausgesetzt, alle Kantone würden ein Screening anbieten und ein Grossteil der eingeladenen Frauen würden daran teilnehmen.

Hier hapert es. So hat etwa der Kanton Zürich das Brustkrebsscreening abgelehnt.

Für mich und einen Grossteil meiner Berufskollegen – 85 Prozent befürworten das Screening – ist dieser Entscheid unverständlich. Unterstützt wird die ablehnende Haltung auch durch einen Bericht des «Swiss Medical Board», eines Expertengremiums, das von kantonalen Gesundheitsdirektoren und der Fachärzteorganisation FMH eingesetzt wurde.

Der Bericht wertete alte statistische Daten zum Mammografiescreening aus und stellt – im Gegensatz zu vielen internationalen Gremien, welche aufgrund dieser Daten das Mammografiescreening empfehlen – dessen Nutzen in Frage: Es komme zu Fehldiagnosen, welche die Frauen seelisch belasten, und in manchen Fällen habe das Screening unnötige Behandlungen zur Folge. Der Nutzen des Screenings sei «geringfügig». Deshalb seien keine neuen Mammografie-Programme einzuführen und die bestehenden zu befristen. Die Verhinderung des Brustkrebstodes von jährlich 200 Frauen in der Schweiz als geringfügig hinzustellen finde ich zynisch.

Ist die negative Kritik, die momentan auch in vielen Medien Eingang findet, denn völlig unbegründet?

Nein, es muss schon erwähnt werden, dass es bei 4-5 von 100 Mammografien zu einem sogenannten «falschen Alarm» kommt. Dieser lässt sich jedoch meist innert weniger Tage durch eine Zusatzaufnahme oder einen Ultraschall klären. Diese Zeit vom auffälligen Befund bis zur endgültigen Diagnose ist für die Frau tatsächlich oftmals sehr belastend.

In den meisten Fällen (9 von 10) stellt sich jedoch heraus, dass die Veränderungen gutartig sind und kein Brustkrebs vorliegt. Bei der grossen Mehrheit der Frauen, die eine Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs durchführen lassen, zeigen sich allerdings keine verdächtigen Veränderungen und die Frauen können beruhigt werden. Auch Überdiagnosen, die Schätzungen gehen von 0,5 bis 2 Überdiagnosen pro verhindertem Brustkrebstodesfall aus, sind bei der Mammografie ein Problem.

Als Überdiagnosen bezeichnet man Tumore, die nur langsam wachsen und keine Ableger bilden und deshalb zu Lebzeiten der Frau nie zu einem Problem geworden wären. Da wir aber meist nicht voraussehen können, ob der Brustkrebs zeitlebens gefährlich wird oder nicht, werden alle diagnostizierten bösartigen Veränderungen behandelt. Dass sich viele Medien auf das Thema stürzen und negativ berichten, wundert mich nicht – negative Meldungen geben grundsätzlich mehr Schlagzeilen.

Weshalb ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass ein flächendeckendes Brustkrebsscreening angeboten wird?

Die opportunistische Mammografievorsorge, wie sie heute stattfindet, ist im Gegensatz zum Screeningprogramm meist nicht qualitätskontrolliert. Im Screeningprogramm werden spezielle Qualitätsanforderungen an das medizinische Personal und die Geräte gestellt und auch regelmässig kontrolliert. Die Screeningprogramme begünstigen auch die Chancengleichheit, da die Mammografie dann von der Grundversicherung bezahlt wird und alle Frauen über 50 Jahren ungeachtet ihrer persönlichen Situation alle zwei Jahre zu einer Früherkennungsuntersuchung eingeladen werden.