Ursache: Westlicher Lebensstil

Als Ursache der steigenden Anzahl von Krebsdiagnosen verweist Prof. Thomas Cerny (Präsident Krebsforschung Schweiz KFS) auf die demografische Entwicklung innerhalb der westlichen Gesellschaft und auf den westlichen Lebensstil:

«Krebs ist nicht nur die Nummer-eins-Todesursache bis zum 80. Lebensjahr, sondern auch die Todesursache mit der grössten Zuwachsrate weltweit. Weil wir Menschen eine immer höhere Lebenserwartung haben, Krebs stark mit dem Alter zunimmt und der westliche Lebensstil mit Zigarettenrauchen, wenig Bewegung und Übergewicht überall kopiert wird, wird Krebs bereits in wenigen Jahren die häufigste Todesursache global sein. Bei uns sind Prostata-, Brust-, Lungen- und Dickdarmkrebs die häufigsten Krebsarten, in Asien ist insbesondere der mit Hepatitis B assoziierte Leberkrebs häufig, in Südamerika und Afrika ist der mit dem HPV-Virus assoziierte Gebärmutterhalskrebs besonders häufig.»

Fortschritte in der Krebsforschung

Doch auch wenn ein Anstieg der Krebsrate zu verzeichnen ist, so gibt Prof. Cerny sich hoffnungsvoll:

«In den letzten Jahrzehnten hat die Krebsforschung rasante Fortschritte gemacht: Krebs ist individuell; jeder Tumor hat seine molekulare Ausprägung. Durch die molekulargenetische Forschung der Biomedizin hat sich die Krebsdiagnostik in den letzten Jahren extrem verfeinert. Wir wissen, dass zum Beispiel Brust- und Lungenkrebs sich schon heute in sehr viele Subtypen aufteilen lassen, und dieses Wissen nimmt rapide zu. Diese molekulare individuelle Signatur des Tumors erlaubt uns zunehmend, die Therapie auf jeden Patienten zuzuschneiden. Entsprechend nimmt die Lebenserwartung und Heilungsrate weiter zu.»

Um die vielfältigen bisherigen und kommenden Forschungsergebnisse ohne Zeitverlust zum Nutzen der Patienten einzusetzen, sieht der Onkologe Thomas Cerny die nationale und internationale Vernetzung der Forscher und Kliniker als unabdingbare Voraussetzung. 

Denn nur durch eine effiziente, nationale Zusammenarbeit, gute Ausbildung des Personals, Strategie- und Ressourcen-Management können seiner Meinung nach die bestmöglichen Ergebnisse in der Krebsforschung und -behandlung erzielt werden. 

Da es bereits heute circa 1000 verschiedene Untereinheiten von Krebskrankheiten gibt, braucht es eine nationale Vernetzung der hoch spezialisierten grossen Krebszentren untereinander zu einem «Onkologie-Campus Schweiz».

Auch in den Regionen müssen sich alle Spezialisten zu Versorgungsnetzwerken mit dem jeweiligen Zentrum zusammenschliessen. So wird jeder Patient einen fairen Zugang zur jeweils bestmöglichen Diagnostik und Behandlung und Betreuung erhalten unabhängig von seinem Wohnort.

Damit dies auch funktioniert, braucht es allerdings den Willen der Kantone zur Zusammenarbeit! Hierbei hebt Thomas Cerny den Standort Schweiz hervor, der nicht nur Gründungsland der European Society for Medical Oncology (ESMO) ist, sondern auch in internationaler Zusammenarbeit mit den EU-Staaten und den USA viel zum Erfolg der Krebsforschung beiträgt.

Nationale Vorgehensweisen

Um die politisch vernachlässigte, aber sehr kosteneffiziente Prävention und Früherkennung von bösartigen Tumoren zu verbessern, sind auch hier nationale Vorgehensweisen notwendig, wie dies in der Nationalen Strategie gegen Krebs (NSK) und dem neuen Krebsregistergesetz vorgesehen ist. Dabei spielt auch die Digitalisierung mit E-Health eine immer grössere Rolle.

Schon bald werden auch internetbasierte Diagnostik und Behandlungsoptimierungen in den klinischen Alltag einziehen und die immer komplexere individuelle Situation besser berücksichtigen, als dies heute geschieht.

Durch die vollständige Dokumentation individueller Informationen innerhalb einer medizinischen Datenbank über den Krankheitsverlauf der einzelnen Patienten durch alle behandelnden Fachärzte werden die Behandlungsabläufe verbessert und die klinische Forschung stark gefördert.

Dies hätte den Vorteil, dass jeder der behandelnden Ärzte permanent auf ein aktuelles Patienten-Dossier zurückgreifen kann. 

Prof. Thomas Cerny weist darauf hin, dass das zentraleuropäische solidarische Gesundheitssystem bisher jedem krebskranken Menschen, unabhängig von seinen finanziellen Möglichkeiten, einen freien Zugang zur optimalen medizinischen Behandlung ermöglicht.

Der Erhalt dieser Solidarität ist zentral, um die von der Gesellschaft gemeinsam getragenen enormen Kosten der internationalen Krebsforschung auch als Nutzen der ganzen Bevölkerung wieder zurückzugeben.

Dabei müssen die Pharmafirmen, welche die Resultate dieser Forschung als Monopol verwerten dürfen, nun wegkommen von den exzessiven Medikamentenpreisen und wieder faire und bezahlbare Preise akzeptieren, damit keine Mehrklassenmedizin entsteht. Nur so wird sich ein dynamisches und bezahlbares solidarisches Gesundheitssystem weiter so erfolgreich entwickeln können.